Seit ihrer Kindheit träumt Katelyn von einem Mann, der in den Ruinen eines Hauses auf sie zu warten scheint. Als sie bei ihrer Großmutter ein 250 Jahre altes Medaillon mit dem Porträt dieses Mannes findet, kann sie kaum fassen, dass sie ihn plötzlich vor sich sieht. Ihre Großmutter erzählt ihr, dass auf dem Bild der Adlige John McKay abgebildet ist, und vertraut Katelyn seine Geschichte an, die in handgeschriebener Form seit Generationen in Familienbesitz ist. Katelyn taucht tief in seine Erinnerungen ein …
Als John bei einem Ausritt dem Fahrenden Jake O’Malley begegnet, wandelt sich unerwartet sein Leben. Der junge Mann rührt etwas in seiner Seele, dem sich John nicht entziehen kann. In aller Heimlichkeit nähern sie sich einander an und zwischen ihnen entwickelt sich eine tiefe Liebe. Die McKays ahnen zunächst nichts, doch die Beziehung der beiden ist eine Gratwanderung, die alles verändert.

 

(unter den Bildern ist eine Leseprobe)

 

Nah bei mir

Genre: Historical Gay-Romance

Verlag: Arunya Verlag
Cover und Innenillustrationen: Shikomo

ISBN: 978-3-95810-005-3

 

eBook:

 

Hardcover:

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• Es gibt eine kostenlose Promostory aus Jakes Sicht → Die besondere Hoffnung

• Ein ausführliches Interview gibt es auf → LITERRA
 
• Hier ist ein besonderes Interview mit der Hauptfigur John → Interview
 
• Eine Prologstory zu dem Buch → Erwartung 
 
• Die außergewöhnliche Geschichte dieses Buches → Wie ein Flüstern im Wind
 
• Ka - Sa's Buchfinder hat eine Blogtour organisiert. Es gab ein Interview, Infos zur Recherche und eine ausführliche Darstellung von John und Jake. → Tourplan (Archiv)
 

 

Ein Buchtrailer

 

 

 

Ein Lesungsvideo

 

 

 

 

 

Erinnerungen sind wie Sterne
Sie leuchten aus dem Dunkel heraus

 

 

 Geheimnisse

 

Nebel umwallte die verfallenen Überreste des Gebäudes wie ein Schleier. Die Umgebung war undeutlich zu erkennen. Nur ein Mann war klar zu sehen. Katelyn sah ihn auf den verwitterten Steinen sitzen. Teilnahmslos schaute er auf das Moos am Boden, das zwischen den Ruinen wuchs.
Sie versuchte, ihn zu rufen, doch kein Laut kam von ihren Lippen. Es blieb still. Trotzdem bemerkte er sie, denn er hob das Gesicht an. Blondes Haar fiel bis auf seine Schultern und sein Blick traf Katelyn tief ins Herz …

 
Katelyn erwachte mit einem tiefen Seufzen. Sie ordnete ihre Bettdecke und drehte sich herum. Der Wecker zeigte ihr, dass es eigentlich viel zu früh war, um aufzustehen. Schließlich hatte sie Urlaub. Als sie die Augen wieder schloss, stahl sich erneut der blaugraue Blick des Mannes in ihre Gedanken. Seit Jahren träumte sie von ihm und selbst im wachen Zustand verspürte sie eine Sehnsucht nach ihm, die sie nicht erfassen konnte. Das Bild verblasste wieder, so sehr sie auch versuchte, es festzuhalten.
Regen peitschte an die Fenster und in dem Cottage ihrer Großmutter knarrte es leise. Katelyn konnte nicht mehr schlafen. Nachdem sie sich von einer Seite zur anderen gedreht hatte, stand sie mit einem Unmutslaut auf und ging in das altertümliche Bad. Mit einer hochgezogenen Augenbraue besah sie sich den antiken Wasserhahn, der jeglichem Alter trotzte, und im Licht der Glühlampe messingfarben glänzte. Ihre Großmutter musste, während sie auf der Arbeit gewesen war, ihr Bad regelrecht poliert haben. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie warf einen Blick in den Spiegel. Rehbraune Augen, umrahmt von einem dichten Wimpernkranz, schauten sie an. Sommersprossen sprenkelten vereinzelt ihre helle Haut. Ihre dunklen Locken hingen nach der unruhigen Nacht wie verfilztes Stroh über ihren Schultern, da nutzte auch keine Bürste. Sie sollte sich wirklich angewöhnen, das Haar nachts zu flechten. Rasch schlüpfte sie aus dem Schlafanzug und stellte sich unter die Dusche. Als das warme Wasser auf ihre Haut prasselte, erschauerte sie wohlig und hielt das Gesicht in den Strahl. Viel zu lange verweilte sie unter der Brause, genoss es, das lange Haar zu waschen und stieg dann fröstelnd auf die kalten Fliesen. Rasch griff sie nach ihrem Morgenrock und kuschelte sich darin ein. Die Wärme der Heizung hatte sich darin gespeichert und Katelyn schloss für einen Moment die Augen, um das Gefühl zu genießen.
Dann öffnete sie das Fenster, denn der Spiegel war komplett beschlagen und auf den Schränken bildete sich Feuchtigkeit. Kühle Luft wehte ins Bad und brachte den Duft der Bäume mit sich. Felder und Wiesen erstreckten sich, so weit das Auge reichte. Der Regen tünchte die hügelige Landschaft von Keswick in graue Farben. Links von ihr war ein Wald, dessen Eichen und Buchen sich im Wind zur Seite bogen. Eine der Katzen trotzte dem Wetter und huschte von einem Versteck in das nächste. Die Gegend war wunderschön und Katelyn liebte jeden Grashalm davon. Sie war in Penrith aufgewachsen, ihre Eltern lebten noch immer dort. Der Ort war ein wenig außerhalb des Lake District und schon als Kind zog es sie stets zu ihrer Großmutter. Heute bewohnte sie mit ihr das alte Cottage und arbeitete in einem Blumengeschäft in Keswick als Floristin.
Sie hörte, wie sich jemand der Tür ihrer kleinen Wohnung näherte, die sich im ersten Stock befand.
„Katelyn, bist du schon wach?“, rief ihre Großmutter Fiona. „Ich hörte dich rumoren.“
„Ja, Oma!“
„Willst du schon frühstücken?“
„Gerne, ich komme gleich.“
Rasch trocknete sie sich mit dem Morgenmantel ab, kämpfte sich durch ihr Haar und zog sich etwas Bequemes an. Fiona bereitete für ihre Enkelin gerade das Frühstück, als Katelyn in die Küche kam. Sie küsste ihrer Großmutter auf die Wange. „Du bist ein Schatz, Oma.“
„Weiß ich“, erwiderte diese schelmisch und stellte Katelyn eine große Tasse hin. Der Kaffee daraus duftete herrlich und Katelyn nippte an dem heißen Getränk.
„Was hast du denn heute vor, Katy?“
Katelyn bestrich sich eine Brotscheibe mit Marmelade. „Bei dem Wetter? Ich weiß noch nicht.“
„Die Gummistiefel stehen im Schuppen, nur dass du es weißt.“
„Meine oder deine?“
Fiona lachte leise.
In angenehmer Stille nahmen sie das Frühstück ein. Katelyn hing ihren Gedanken nach, dachte an ihren Traum.
„… könnte dich interessieren.“
Katelyn blinzelte und sah auf. „Ich hab jetzt nicht mitgekriegt, was du gesagt hast.“
Nachsichtig schmunzelte Fiona. Mit einer fast schon automatischen Geste steckte sie sich eine feine Strähne ihres ergrauten Haares hinter das Ohr. Wie immer hatten sich einige aus der lockeren Hochsteckfrisur geschlängelt.
„Ich habe einige Dinge oben auf dem Dachboden“, sagte sie plötzlich ernst.
„Dinge?“
Mit einem seltsamen Blick schaute Fiona aus dem Fenster und schien über etwas nachzudenken. „Ja, es ist an der Zeit, dass du sie dir anschaust. Ich würde gerne wissen, ob …“
„Ja?“
Fiona wandte sich ihr zu. „Ob sie dir etwas sagen.“
„Also brauche ich keine Gummistiefel?“
Ein verschmitzter Ausdruck legte sich auf Fionas Gesicht. „Da bin ich mir nicht so sicher, wenn ich an den Staub oben denke.“
„In diesem Haus gibt es ernsthaft irgendwo Staub?“, fragte Katelyn frech.
„Nur auf dem Speicher.“ Fiona zwinkerte Katelyn zu.
 

*

 
Später ging Katelyn die schmale Treppe zum Speicher hinauf. Schale Luft schlug ihr entgegen. Der Regen prasselte gegen das schräge Fenster, leiser Donner grollte. Für einen Moment verharrte Katelyn. Ein Geheimnis schien sich hier zu verbergen. Als Kind hatte sie sich nur selten hierhergewagt, denn dieser Ort barg auch etwas Dunkles, vor dem sie sich immer gefürchtet hatte.  
Die schwere Holztruhe stand in der hinteren linken Ecke. Sie war sorgsam verschlossen, aber stabiler und besser erhalten, als es zunächst den Anschein erweckt hatte. Als Katelyn den Verschluss öffnete und den Deckel aufklappte, überwältigte sie ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte. Obenauf lag ein altes Jackett. Verblüfft betrachtete sie den dunkelgrünen Stoff, strich mit den Fingerspitzen darüber. Vorsichtig hob sie das Kleidungsstück an, rau schmiegte sich der Leinenstoff in ihre Hände. Diese Jacke war aus einer völlig anderen Zeit! Ihr Herz begann unangenehm schnell zu pochen. Einige Mottenlöcher verunzierten den Stoff, doch er wirkte … vertraut. Katelyn roch daran, konnte aber nur das Mottenpulver daran wahrnehmen. Langsam ließ sie das Jackett in ihren Schoß sinken und griff erneut in die Truhe. In ihrer Hand lag eine alte Schreibfeder. Sie war ein wenig zerrupft, die Spitze dunkel verfärbt. Katelyn wog sie in den Händen. Wie ein feiner elektrischer Schlag blitzte ein Bild in ihr auf …
 
Der Sekretär war geöffnet und die Klappe diente als Schreibunterlage. Blondes Haar fiel vor das Gesicht des Mannes, der davor saß und auf einen Brief starrte, sie konnte seine Züge nicht erkennen. Die Schreibfeder steckte in ihrer Halterung, ein Tintenfass befand sich daneben. Die schmale Hand des Mannes lag auf dem polierten Holz der Ablage.
„Musst du noch arbeiten?“, hörte sie sich selbst sagen, mit seltsam dunkler Stimme.
Er sah auf und schaute sie mit graublauen, so vertrauten Augen an …

 
Die Feder entglitt ihren Händen und ein Zittern überkam sie. Katelyn schöpfte Atem, als wäre plötzlich nicht genug Sauerstoff auf diesem Speicher. Ihr Blick fiel auf ein Päckchen, das man mit altem Pergament geschützt hatte. Sie holte es hervor. Der Inhalt fühlte sich an wie eine Taschenuhr. Behutsam wickelte Katelyn den Schutz ab, es war ein Medaillon. Behutsam öffnete sie es und erschrak so heftig, dass sie das kostbare Kleinod fast fallen gelassen hätte. Ungläubig betrachtete sie das vergilbte Porträt in dem Schmuckstück. Die meisten Farben waren kaum noch zu sehen, der Mann auf dem Bild war trotzdem gut zu erkennen.
Katelyns Herz raste. Dort in dem Medaillon war der Mann aus ihren Träumen! Katelyn erkannte die Züge seines Gesichtes sofort.
Als ihre Großmutter den Dachboden leise betrat, kniete sie sich zu ihr.
„Wer ist das, Oma?“, fragte Katelyn mit heiserer Stimme.
„Das ist Jonathan McKay.“
Ein Gefühl, das ihr die Brust zuschnürte, durchzog Katelyn bei diesem Namen. Sie starrte auf das kleine Porträt. „John“, flüsterte sie leise.
Katelyn konnte im Augenwinkel sehen, dass Fiona sie sehr genau beobachtete. „Ja, so hat man ihn genannt“, erklärte ihre Großmutter. „In der Kiste sind drei handgeschriebene Bücher von ihm. Er war der Sohn eines Baronets und lebte hier in der Gegend. Ich habe dir doch mal von unseren Urahnen erzählt. Erinnerst du dich?“
Katelyn begegnete dem Blick ihrer Großmutter. „Nur vage, Oma.“
„Lester O’Brian war unser Urahn und Johns Freund. Diese Dinge wurden von unserer Familie aufbewahrt.“
Katelyns Augenmerk fiel auf die drei ledergebundenen Bände, die in der alten Holztruhe lagen. Wie war es möglich, dass sie von ihm träumte? Katelyn nahm vorsichtig eines der Bücher in die Hand und strich über den dunkelbraunen Einband. Langsam öffnete sie es und sah auf die ordentliche Handschrift der verblassten Seiten. Katelyn war augenblicklich gefangen von den handgeschriebenen Zeilen.
Fiona seufzte. „Ich hatte gehofft, dass dir diese Dinge etwas sagen“, murmelte sie. „Denn seit deiner Geburt sehe ich ihn nicht mehr und nun …“
Katelyn riss sich von Johns Worten los. „Du …? Ich verstehe nicht. Du siehst ihn nicht mehr?“
Mit einem leisen Ächzen richtete sich Fiona auf und zog sich einen verstaubten Stuhl heran. „Was siehst du, wenn du ihn anschaust, Katy?“
„Ich …“ Katelyn stockte und sah erneut auf das Medaillon, das sie auf ihren Schoß gelegt hatte. Sie holte tief Luft. Wenn jemand dies verstehen würde, dann ihre Großmutter. „Ich träume von ihm, Oma“, antwortete sie mit gesenkter Stimme.
„So etwas dachte ich mir.“
Verwirrt suchte sie die Antwort in Fionas rätselhaften Worten.
„Manchmal kann ich Geister spüren.“
Katelyn sah sie verblüfft an. „Was?!“
„Hör mir zu, Kind. Vor deiner Geburt sah ich ihn oft hier in der Gegend. Stets schien er jemanden zu suchen. Aber seit du geboren bist, ist er fort. Ich hatte von jeher die Vermutung, dass du eine Verbindung zu ihm haben könntest.“
„Aber wie soll das denn möglich sein?“
„Lies seine Bücher, denn die Zeichen sprechen davon, dass er zurück ist.“
Katelyn presste unbewusst das Buch an ihre Brust. „Was für Zeichen?“
Fionas Hand strich zärtlich über ihre Wange. „Du weiß doch, dass ich eine alte schrumpelige Hexe bin und seltsame Dinge tue“, sagte sie mit einem verschmitzten Grinsen.
„Du bist überhaupt nicht schrumpelig und mit Kräutern kennen sich auch andere aus! Also wirklich, Oma.“
Ein leises Lachen hallte durch den Dachboden, das rasch wieder verklang. „Du nanntest ihn sofort John, nicht Jonathan.“
Katelyn sah auf. „Ich weiß nicht warum, Oma. – Sind hier nur seine Sachen?“
Fiona nickte.
„Warum hat man ausschließlich Johns Dinge hier aufbewahrt?“
„Vielleicht begreifst du es, wenn du seine Bücher liest. Er hatte eine recht ordentliche Schrift und die Tinte ist trotz der zwei Jahrhunderte noch leserlich.“
„Du weißt, was darin steht?“
„Ja …“
Katelyn nahm Johns Bücher und das Medaillon wie einen Schatz an sich. Sie folgte ihrer Großmutter, die bereits die Stufen nach unten stieg. Als sie an Fionas Wohnzimmer vorbeikam, stockte sie. Helle Steine mit eingeritzten Zeichen lagen in einer bestimmten Konstellation auf dem Tisch vor dem Fernseher. Ihre Großmutter hatte die Runen gelegt! Sprach sie deshalb von Zeichen?
Katelyn begriff nicht sehr viel von diesen mystischen Dingen, hatte so etwas bisher meist aus ihrem Leben ausgeblendet. Aber bei Fiona überraschte sie nichts mehr. Schon immer lag eine Art Zauber auf ihrer Großmutter. Vielleicht zog es sie deshalb von jeher zu ihr hin.
Fiona verschwand bereits im Garten und sah nach ihren Kräutern und Blumen. Die Haustür stand offen und Katelyn sah ins Freie. Das Wetter war abrupt umgeschlagen und die Sonne kämpfte sich durch die Wolken. Lieschen, die Katze, die sie vom Badezimmerfenster aus gesehen hatte, schüttelte sich und stolzierte mit nassen Pfötchen in die Küche. Es zog Katelyn hinaus in die klare Luft. Der Nebel verzog sich. Die Hügel Cumbrias leuchteten im warmen Licht des Morgens. Sie ging um das Haus herum und setzte sich auf die Bank, die unter dem Vordach trocken geblieben war. Der alte Kirschbaum rauschte im Wind und die letzten Blüten fielen wie vereinzelte Schneeflocken zu Boden. Eines der weißen Blütenblätter segelte in ihren Schoß. Erneut öffnete sie das Medaillon und betrachtete das Porträt von John McKay.
„Welches Geheimnis verbindet uns?“, flüsterte sie ihm zu.

Die Bücher waren nummeriert, als wollte John sichergehen, dass man sie nicht in der falschen Reihenfolge las. Katelyn schlug den ersten Band auf. Schon seine ersten Worte versetzten sie in einen wahren Gefühlstaumel. Sie riss sich zusammen und ließ sich von Johns Zeilen in eine andere Zeit entführen …



Die Fahrenden
Westmorland 1764
 

Die hügelige Landschaft rauschte förmlich an mir vorbei, als ich über die Felder und Wiesen ritt. Auf meinem Pferd fand ich endlich die Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte. Hier draußen war ich einfach nur John − nicht der Sohn eines Adligen. Diese Augenblicke, wenn ich über das feuchte Gras galoppierte, genoss ich insgeheim. Wind wehte mir das Haar aus dem Gesicht und ich fühlte mich frei. Erst als die Hufe meiner Stute im Schlamm eines Ackers versanken, verminderte ich das Tempo, und wir schritten gemächlich Richtung Fluss.
Überrascht zügelte ich meinen Schimmel, als vor mir einige Pferdewagen auftauchten. Zigeuner? Meine Stute tänzelte ungeduldig und ich strich ihr über den Hals. „Ruhig“, murmelte ich und starrte zu den Fremden hinüber.
Mein Vater wäre nicht begeistert, wenn er wüsste, dass sich Fahrende hier am Fluss niedergelassen hatten. Unentschlossen ließ ich die Zügel lockerer, ritt langsam auf sie zu. Sollte ich sie vertreiben? Würden sie überhaupt auf mich hören?
Die Leute sahen kurz auf, als ich mitten in ihr Lager ritt, ignorierten mich aber großteils. Mein Pferd warf nervös den Kopf hin und her. „Nun hör schon auf“, ermahnte ich es leise und zog die Zügel enger. Einige hielten nun doch inne und starrten mich an. Ich musste etwas sagen!
„Was soll das hier werden?“, fragte ich und kämpfte immer noch mit meiner Stute.
„Wir lagern hier“, antwortete ein älterer Mann gleichgültig.
„Das ist nicht zu übersehen. Und wer hat euch das erlaubt? Ihr seid auf dem Land meines Vaters.“
Sie reagierten einfach nicht. Es war ihnen schlicht egal, was ich sagte. Ärger keimte in mir auf, doch mir blieb jegliches Wort im Hals stecken. Ein junger Mann stand unerwartet vor mir, strich meiner Stute sanft über die Nüstern und schaffte es, sie zu beruhigen. Braune Locken umrahmten sein Gesicht. Die dunklen Augen sahen mich prüfend an.
„So nervös?“, sagte er dann leise zu dem Pferd.
Ich holte tief Luft. Es hatte mir die Sprache verschlagen! Ich räusperte mich, versuchte mich zusammenzureißen, doch ich konnte ihn nur anstarren. Ein Lächeln huschte über seine gut aussehenden Züge und scheinbar belustigt schüttelte er leicht den Kopf, wandte sich ab.
Ich fühlte mich entlarvt! „Bleib stehen!“, brachte ich hervor
Er gehorchte, drehte sich jedoch nicht um. „Hier ist kein Platz für Befehle. Wir sind keine Eurer Dienstboten.“ Dann ging er davon und verschwand hinter einem der Pferdewagen.
Einen Moment verharrte ich verdutzt. Unsicher schauten einige zu mir auf und ich brachte es nicht übers Herz, sie fortzujagen. Also wendete ich mein Pferd und flüchtete.
Ein Regenschauer überraschte mich. Nach Hause wollte ich trotzdem nicht. Ich zügelte mein Pferd und hielt das Gesicht in das kühle Nass. Meine Schimmelstute nutzte meine Unaufmerksamkeit und zupfte an einigen Gräsern. Ich beugte mich vor, wollte ihren Kopf behutsam hochziehen, aber sie schnaubte unwillig und stellte sich stur. Mit einem Schmunzeln sah ich auf mein Pferd, das nur Dummheiten im Kopf besaß.
„Du bist ein stures Biest und ich bin viel zu nachgiebig, weißt du das? Komm schon!“ Als ich mich durchsetzte, hob die Stute zwar den Kopf, buckelte aber. „Himmel, dann lauf zu!“ Diese Worte schienen für sie das Stichwort zu einem gnadenlosen Galopp zu sein, der mich bis in den Wald trug. Dort parierte ich sie durch und ritt im Schritt weiter.
Regen rauschte auf das dichte Laub der Wipfel, die nur vereinzelte Tropfen hindurchließen. Ich sah eine Weile dem Wiegen der Äste zu und dachte an den jungen Mann. Begann es wieder? Ich fragte mich, ob diese verwirrenden Gefühle je aufhörten?
Als Vater mir damals das erste Mal meine Frau Hellen vorstellte, fand ich ihre Sanftmut faszinierend, willigte später in die Heirat ein, in der Hoffnung, dass sie mir die Flausen aus dem Kopf trieb. Noch heute, nach fast sieben Ehejahren, bewunderte ich Hellen für ihre Geduld, ihre innere Ruhe, die unerschütterlichen Gefühle, die sie für mich hegte. Mehr noch als meine Schwester Deidre wurde sie eine Vertraute, doch ihre Gegenwart erinnerte mich jedes Mal daran, dass ich ihrer Liebe einfach nicht gerecht werden konnte. Denn meine geheimen Gedanken gingen in eine völlig andere Richtung, die ich niemals aussprechen durfte.
Wieder schweiften meine Überlegungen zu den Fahrenden. Der Ausdruck gefiel mir besser als Zigeuner, denn er verunglimpfte diese Menschen nicht. Die Augen des Mannes erschienen mir wie die Fenster einer Seele, auf die ich schon lange wartete. Würde er nun meine Träume beherrschen, wie damals Hellens Cousin? Oder wie der Stallbursche der O’Brians, den ich sehnsüchtig in meiner Jugend beobachtet hatte?
Ich seufzte auf. Konnte ich nicht einfach normal sein? Was brachten diese Gefühle, diese Träume mir? Nichts! Noch nie hatte ich ihnen in irgendeiner Weise nachgegeben, ich fügte mich stets den Wünschen meiner Familie.
Dieser Fremde beherrschte nun trotzdem mein Innerstes.
Nachdenklich stieg ich ab, starrte auf das Unterholz. Meine Stute wandte den Kopf und stupste mich an. Sie erspürte meine Stimmungen wohl besser, als jeder andere. Ich lehnte meine Stirn an ihre. Still verharrten wir in dem Zwielicht des kleinen Hains. Sie riss mich aus meinem düsteren Denken, indem sie wieder zu Unsinn überging. Ich stolperte fast auf den Weg, weil sie übermütig ihren Kopf an mir rieb. Mit einem Lächeln schubste ich sie zurück.
„Wenn du dich kratzen willst, nimm einen Baum!“, rügte ich sie.
Eine Weile wartete ich den Regen ab, lief ein Stück zu Fuß durch den Fichtenwald. Die Stute trottete hinter mir her. Als der Weg zurück auf die Felder führte, stach die Sonne hervor und leuchtete durch die Krone einer alten Eiche. Ihre warmen Strahlen ließen mich lächeln. Ich atmete tief durch, schwang mich wieder auf den Rücken meines Pferdes und ritt zwischen den niedrigen Trockenmauern, die unsere Felder begrenzten, zurück nach Hause.
Unser Herrenhaus stand zwischen hohen Buchen. Ein knorriger Kirschbaum drängelte sich zwischen die Laubbäume und der Efeu rankte sich von den Stämmen bis an die grauen Wände des Gebäudes. Der Vorgarten wirkte verwildert, weil das Geld fehlte, um einen Gärtner zu entlohnen, aber ich mochte es so.
Lilly-Ann, unser Stallmädchen, nahm mir die Stute ab und ich schlich zum Hintereingang, weil ich nicht wollte, dass man sah, wie feucht meine Kleider waren. An der Rückseite des Hauses bildeten Rosen eine fast undurchdringliche Barriere. Die roten Blüten ragten bis zu den Fenstern hinauf und wiegten sich im Wind. Meine Heimlichtuerei war vergebens, denn meine Frau Hellen erspähte mich, sobald ich eintrat.
„Wo warst du, John?“ Sie kam auf mich zu. Sorge umwölkte ihre sanften Gesichtszüge.
„Nur ausreiten“, antwortete ich wortkarg.
„Warum hast du mich nicht mitgenommen?“, antwortete sie mit einem traurigen Ausdruck.
Ich sah kurz zu meiner Schwester Deidre, die ruhig an einem Stickrahmen ihre Muster bearbeitete. Sie brauchte nichts zu sagen. Ihr geringschätziger Blick reichte völlig aus, um mir ihre Meinung mitzuteilen.
„Es tut mir leid, Liebes“, wandte ich mich wieder an Hellen. „Aber vielleicht war es auch besser, mich überraschte ein Regenschauer.“
„Das sehe ich“, sagte sie lächelnd. „Komm, ich lege dir etwas Trockenes bereit.“ Hellen wandte sich ab und ging die Treppe hinauf. Ich schaute ihr nach. Ihr hellbraunes Haar war hochgesteckt und sie trug ein schlichtes aber ausladendes Kleid, das sie nun vorne raffte, um nicht auf den Stufen zu stolpern. Anstatt ihr zu folgen, ließ ich mich in den Sessel neben Deidre fallen, die nun ihre Stickerei sinken ließ.
„Du solltest dich umziehen, John. Vater wird nicht begeistert sein, wenn er seinen Sessel feucht vorfindet.“
Ich starrte auf den Siegelring an meiner rechten Hand. „Ja, ich weiß.“
Deidre schnaubte leise, als ich keine Anstalten machte, mich zu erheben. Ich ignorierte ihre Missbilligung und sagte: „Es sind Fahrende auf unserem Land. Sie lagern unten am Fluss.“
„Und?“, fragte sie und zog die Augenbraue genauso hoch wie ich – sie bevorzugte allerdings die andere Seite.
„Also, Deidre!“ Ich hatte die Stimme gesenkt, weil ich nicht wollte, dass Vater etwas mitbekam. „Was denkst du, wird Vater sagen?“
„Gar nichts, wenn er es nicht weiß.“ Ruhig stickte sie ihr Deckchen weiter und sah nicht einmal auf.
„Ich hatte nicht vor, es ihm sofort zu sagen“, erwiderte ich.
„Gut. Und jetzt geh zu Hellen.“
Ich hörte für gewöhnlich auf sie. Also raffte ich mich auf. Langsam stieg ich die mit dunkelrotem Teppich überzogenen Stufen hinauf, dessen Oberfläche leicht verschlissen war. Ich fasste nach dem Geländer und schaute hinab auf die dunklen Möbel, die das Herrenhaus füllten, das ich mit meiner Familie bewohnte.
„John?“
Ich riss den Blick von den Räumlichkeiten und strebte auf unseren Wohntrakt zu.
„Ich komme, Liebes.“
Hellen und ich verzichteten auf Zofen und Kammerdiener. Deidres Mädchen verschlang genug Kosten. Auch wenn mein Vater ein Baronet war und wir in einem vornehmen Haus lebten, so waren die Ländereien und die Pferde unser einziger Reichtum. Viel Geld besaßen wir nicht, wir gehörten sozusagen zum verarmten Landadel.
Hellen stand in unserem Schlafgemach und reichte mir trockene Kleidung, die ich dankbar entgegennahm.

 

Der Tag verging viel zu rasch. Innerlich beherrschte der junge Fahrende meine Gedanken, deshalb versuchte ich mich abzulenken und vertiefte mich in die Verwaltung, die unseren Landsitz betraf. Vater war, seit einem Anfall vor zwei Jahren, ein wenig durcheinander. Oberflächlich betrachtet merkte man ihm nichts an, aber er konnte sich nicht mehr wie früher konzentrieren und sehr oft vergaß er die Organisation des Haushaltes. Trotzdem ließ ich ihn nie spüren, dass ich insgeheim seine Arbeit übernahm. Gefühlsmäßig war er der Herr im Hause und würde es für mich immer sein.
Aber auch mir fiel die Konzentration heute schwer. Ich lehnte mich zurück, starrte auf die Holzverzierungen auf meinem Sekretär. Das Tintenfass war noch immer unberührt und ich spielte mit meiner Schreibfeder, ließ sie durch meine Finger gleiten.
Es klopfte leise und ich fuhr auf. Man musste mich nicht unbedingt träumend bei der Arbeit vorfinden.
„Herein“, sagte ich und tauchte rasch die Federspitze in die Tinte, tat geschäftig.
Hellen trat mit einem Lächeln in mein persönliches Zimmer, in dem ich arbeitete, wo aber auch immer noch das Bett stand, in dem ich vor der Ehe genächtigt hatte. Dieser Raum blieb mein Rückzugsort und niemand kam unangemeldet herein.
Ich steckte den Federkiel in das Fässchen und, erwiderte ihre Freundlichkeit mit dem gleichen Ausdruck.
„Magst du zum Tee kommen, John?“
„Ja, das ist tatsächlich eine gute Idee.“ Ich reckte mich ein wenig. Hellen näherte sich, strich mir zaghaft über das Haar. Zärtlich öffnete sie das Band, das meinen zerzausten Zopf zusammenhielt, ordnete die herausgerutschten Strähnen und bändigte sie wieder.
„Sonst tadelt dich Deidre wieder“, flüsterte sie mit einem Zwinkern und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Ich räusperte mich amüsiert und folgte ihr in den Salon zum Tee, wo Vater und Deidre bereits warteten.
Der eher formlose Nachmittag ging langsam in den Abend über. Immer noch saßen wir an dem kleinen Tisch. Der Tee war bereits getrunken, Deidre stickte wieder und Vater scherzte mit Hellen, die froh zu sein schien, dass sich jemand mit ihr beschäftigte. Denn ich schaute nur schweigend aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne hinter den Hügeln von Westmorland unterging. Irgendwann zog ich mich mit Hellen in unsere Räumlichkeiten zurück.
In dieser Nacht liebte ich sie, denn ich wusste, Hellen sehnte sich nach meiner Berührung. Als sie später in meinen Armen schlief, dachte ich erneut an den jungen Mann, der mit seiner Familie am Fluss lagerte. Gereizt verdrängte ich sein Bild aus meinem Kopf und presste Hellen an mich. Wir hatten die schweren Vorhänge nicht zugezogen und ich sah, wie der Regen an die Scheiben prasselte.
Ob ihre Pferdewagen dicht waren?
Ein leises Stöhnen entschlüpfte mir, weil meine Überlegungen keine Ruhe gaben.
„Kannst du nicht schlafen?“, murmelte Hellen an meiner Brust.
„Doch, sorg dich nicht.“
An ihrem ruhigen Atem spürte ich, dass sie bereits weiterschlummerte. Als ich die Augen schloss, ergab ich mich meinen Träumen, wehrte mich nicht mehr dagegen und sah ihn mit wehendem Haar auf mich zukommen.
 

*

 
Morgens beim Frühstück saß ich unruhig an dem großen Tisch und war versunken in meinen Gedanken. Irgendjemand sprach mich an, und ich brauchte einen Moment, um dies zu registrieren.
„Wo bist du wieder, John?“, fragte mich mein Vater liebevoll.
„Oh, weit weg“, antwortete ich schelmisch.
Die Familie lachte verhalten.
„Deidre hat eine Frage an dich gerichtet, mein Lieber.“ Hellen sah mich auffordernd an. Sie lächelte versonnen, als ich unter dem Tisch nach ihrer Hand griff. Ich schaute auf meine Schwester und erkannte, dass sie mir etwas mitteilen wollte − und sicher nicht das, was sie aussprach.
„Du hast mir gestern gesagt, eines der Holztore an den Weiden wäre nicht in Ordnung.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. Hatte ich das? Dann begriff ich! Sie wollte mir einen Grund geben, mich zurückzuziehen. Aber warum?
„Ja, ich werde nachher mal sehen, dass ich es Jean zeige.“
Vater sah mich wohlwollend an. „Aber nicht, dass du noch selbst den Hammer schwingst.“
Wieder schmunzelten sie, Deidre nicht. Wir schauten uns an.
Bring ihnen Essen, formte sie wortlos mit dem Mund.
Das war also der wahre Grund. Ich nickte unmerklich.
Vater rief nach dem Frühstück nach Jean, unserem Knecht. Damit hatten wir nicht gerechnet. Das Tor der Trockenmauer war eine Ausrede gewesen, damit ich verschwinden konnte. Mir entschlüpfte ein leiser Fluch. Deidre gab mir einen Wink. Ich verstand und verschwand in den Ställen. Denn wenn Jean ein Tor reparieren sollte, musste erst einmal eins beschädigt sein.
„Lilly-Ann?“
Das zarte Gesicht unseres Stallmädchens lugte aus einer der Pferdeboxen hervor.
„Ja, Sir?“
„Nimm dir ein Pferd und reite hinten zu den Weiden. Zerschlage dort eines der Holztore.“
Sie öffnete überrascht den Mund. „Zerschlagen?“
„Ja – aber bitte übertreibe es nicht. Und zu keinem ein Wort!“
„Ihr werdet es mir doch nicht vom Lohn abziehen?“, fragte sie misstrauisch.
„Lilly-Ann! Also wirklich!“, sagte ich empört, griff in meine Tasche und holte eine Münze daraus hervor, die ich ihr in die Hand drückte.
Ihr schmutziges Gesicht hellte sich auf. „Ich bin schon fort!“ Sie nahm sich einen Holzhammer, führte eine Stute aus dem Stall und schwang sich ohne Sattel auf den Rücken des Tieres. Mit fliegendem Haar preschte sie davon. Erst da wurde mir bewusst, dass sie meine Stute genommen hatte. Schnaubend nahm ich den dunkelbraunen Wallach meiner Schwester und ritt in die entgegengesetzte Richtung. Dann zügelte ich kopfschüttelnd das Pferd. Du lieber Himmel, ich war heute so furchtbar zerstreut. Die Lebensmittel!
Deidre kannte mich gut. Sie wartete am Waldrand mit einem Korb. „Wusstest du, dass ich hier sein würde, oder hat dich dein Kopf wieder im Stich gelassen?“, fragte sie belustigt.
Ich lachte herzhaft auf. „Es war mein Kopf.“ Ich beugte mich hinunter und nahm den Korb.
Meine Schwester besaß manchmal eine wohltätige Ader. Mir hingegen war ein wenig seltsam zumute. Gestern noch hatte ich diese Leute nicht gerade freundlich empfangen und heute brachte ich ihnen Essen? Wie würden sie das auffassen? Mit einem Seufzen ritt ich zum Lager. Ich musste den jungen Mann einfach noch einmal sehen. Dieses Geschenk war dafür ein guter Vorwand.
Die Fahrenden sahen alarmiert auf. Ich stieg unbeeindruckt von meinem Pferd und stellte den Korb auf den Boden. „Ein Gruß von meiner Schwester.“
„Und was ist das für ein Gruß?“
Ich fuhr herum. Er stand direkt hinter mir, musterte mich aufmerksam. Mein Herz machte einen Satz, geriet ein wenig aus dem Takt, aber ich riss mich zusammen. „In dem Korb sind Nahrungsmittel.“
„Und Ihr meint, wir haben nichts?“
„Das meint meine Schwester“, erwiderte ich.
Ein Mann mittleren Alters griff nach der Gabe. „Jake! Verärgere die feinen Leute nicht!“ Er wandte sich an mich, verbeugte sich leicht. „Ich danke Euch, Sir!“
Jake … das war also sein Name.
„Tu ich das denn? Euch verärgern?“, fragte Jake und sah mich mit einem verschmitzten Ausdruck an.
Fast verlegen schüttelte ich den Kopf.
Seine Augen waren braun, wie die eines Rehs, die dunklen Locken gebändigt und zu einem Zopf gebunden. Vereinzelte Sommersprossen waren auf seiner Nase und seinen Wangen. Nicht viele, man sah sie ausschließlich, wenn man nah vor ihm stand. Ich blinzelte und bemerkte, dass er mich ebenso musterte – allerdings wesentlich schamloser als ich.
„Ihr sagtet gestern, es ist Euer Land?“, hakte Jake nach.
Ich nickte. „Ich heiße Jonathan Gregory McKay. Mein Vater ist Baronet und ihm gehören diese Ländereien, ja.“
„Mylord McKay oder Sir Jonathan? Wie darf man Euch denn ansprechen?“, fragte Jake schnippisch.
Für einen Augenblick schaute ich ihn verdutzt an. Ich war es gewöhnt, mich mit meinem vollen Namen vorzustellen, spürte aber, dass dies hier völlig unangebracht war.
„Wegen meines Vaters nennt man mich meist Sir John, aber … nenn mich einfach John. Bitte keine Förmlichkeiten.“
Immer noch betrachtete er mich abwägend. Dann lächelte er und dieser Ausdruck fuhr mir tief ins Herz.
„Mein Name ist Jakob O’Malley … aber nenn mich einfach Jake.“
Ich konnte ein leises Auflachen nicht verhindern, denn er hatte meinen Tonfall perfekt nachgeahmt.
„Also … John, vielen Dank für das Essen.“ Als er meinen Namen aussprach, schien das Eis gebrochen. Jegliche Förmlichkeit fiel von uns ab und ich war dankbar dafür.
Er blinzelte plötzlich, drehte sich um und ging fort. Mich durchfuhr das Gefühl, er würde noch etwas zu mir sagen wollen, also wartete ich, stand wie angewurzelt da. Die anderen beachteten mich nicht. Jake verharrte tatsächlich noch einmal und wandte mir sein Gesicht halb zu.
„Vielleicht kommst du mal am Abend zum Lagerfeuer. Möglich, dass dir so was gefällt.“
Er wartete auf eine Antwort.
„Wieso glaubst du, dass ich daran Gefallen finden könnte?“
Jake drehte sich gänzlich zu mir. Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen. „Weil dein Blick das sagt.“

 

 

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© Tanja Bern