Vor 30 Jahren löschte eine Katastrophe die moderne Welt nahezu aus. Die wenigen Überlebenden sind gezwungen, ein Leben wie in vergangener Zeit zu führen − naturverbunden und ohne technische Unterstützung.
Die siebzehnjährige Amelie ist behütet in einer von riesigen Festungswällen umgebenen Siedlung aufgewachsen.
Eines Tages wird ein Mädchen vermisst und Amelie wird gezwungen, hinter die Barriere zu gehen – in den undurchdringlichen Urwald, in dem unheimliche Schatten lauern. Begleitet wird sie von einem jungen Mann, den man einst am Rand der düsteren Wälder gefunden hat. Auf ihrem gefahrvollen Weg entdecken die Suchenden die Ruinen einer untergegangenen Stadt – und dort lauern namenlose Schrecken …


(eine Leseprobe ist weiter unten)
 

Schattenhauch
Genre: Jugend-Dystopie
Verlag: Fabylon Verlag

eBook: Amazon (mobi)  *  Thalia (ePub)

 

 

 

• Hier gibt es ein spezielles Interview zu "Schattenhauch" LITERRA

• Hier findet ihr einen Blogbeitrag über die Entwicklung und Recherche des Buches Schattenhauch - Kolumne

 

 

 

Leseprobe

 

 
Mit gerafften Röcken lief Ella Halwis zu der Lichtung, an der drei Sommerlinden ihre Zweige ausstreckten. Der Wind rauschte in den Blättern der hohen Bäume und die Sonne schickte gesprenkelte Schattenflecken auf den vermoosten Boden. Vereinzelte Strähnen ihres Haares lösten sich immer mehr aus der hochgesteckten Frisur und tanzten um ihr Gesicht. Ella schirmte mit der Hand ihre Augen gegen die Helligkeit ab und blinzelte nach oben. Keine Lindenblüten wehten im Wind. Nichts Weißes blitzte mehr zwischen dem Grün, ihr blumiger Geruch war nur noch eine Erinnerung. Enttäuscht senkte sie den Kopf.
Das Fieber grassierte nun seit einer Woche und Hilflosigkeit schlich sich in ihr Herz. Grippewellen tauchten von Zeit zu Zeit auf, aber diese hier wog schwerer als die anderen Infekte. Das Einzige, was den Kindern wirklich guttat, war ihr Lindenblütentee. Er senkte das Fieber und trieb die Krankheit aus dem Körper. Doch Ellas Vorrat war erschöpft. Der übrig gebliebene Tee reichte höchstens noch für drei oder vier Tassen, mittlerweile lagen aber sieben Kinder in ihren Betten und fieberten. Voller Sorge ging sie in die kleine Praxis von Viktor Storm, die sich abseits des Dorfes neben seinem Haus befand.
Der Arzt richtete gerade den Spiegel seines Mikroskops ein, damit das Tageslicht vom Objektiv aufgefangen werden konnte. Konzentriert schaute er in das Okular, drehte vorsichtig an den verschiedenen Einstellungsrädchen. Als er hörte, wie Ella die Tür schloss, sah er auf. Sein ergrautes Haar war zerzaust und er fuhr sich eher unbewusst durch den Bart.
»Gut, dass du da bist. Ich prüfe gerade die Probe, die du mir gegeben hast.«
»Ist es das Chemiefieber?«, fragte Ella leise und spürte, wie sich die Angst einen Weg in ihre Sinne bahnte.
»Nein, nur eine Grippe. Das Wasser ist hier völlig ohne Chemikalien. Sorge dich nicht.«
Ella legte ihre Hand auf Viktors Schulter. »Viktor, du solltest nicht nur durch deine Linsen schauen, sondern auch mal die lebenden Objekte betrachten. Wir haben das Fieber nicht im Griff.«
Der Arzt runzelte besorgt die Stirn. »Betrifft es auch Erwachsene?«
Ella schüttelte den Kopf.
Er stand auf und durchquerte die Praxis. »Aber es ist eine Grippe. Vielleicht ein sehr hartnäckiges Virus.«
Ella überlegte, ob der Arzt noch einen Notvorrat von dem alten Grippemittel besaß, aber ihre Hoffnung war trügerisch. Penicillin konnten sie zwar mittlerweile auf natürliche Weise selbst herstellen, doch das half nichts gegen Viren. Und an chemische Versuche wagte sich schon lange niemand mehr.
Viktor ignorierte seinen Medizinschrank und steuerte das Bücherregal an. Er holte eines seiner Fachbücher heraus, blätterte darin und zeigte ihr das Bild einer Heilpflanze.
Ella begegnete seinem triumphierenden Blick und verdrehte die Augen.
»Was denn? Das sind Lindenblüten! Daraus …«
»Viktor … Was glaubst du, was ich den Kindern seit Tagen verabreiche, damit ihr Fieber sinkt? Aber ich habe nichts mehr.«
Er blinzelte, nahm die Lesebrille ab und putzte die Gläser verlegen an seinem Arztkittel. »Entschuldige«, sagte er leise. »Du hast Recht, ich muss wieder unter die Lebenden.«
»Ich weiß, dass dich die Erinnerungen belasten. Vor allem bei so einem Krankheitsverlauf. Aber ich brauche deine Hilfe, versteck dich nicht in deiner Praxis.«
»Was ist mit den Linden auf der Lichtung?«
Ella seufzte. »Das sind Sommerlinden. Sie haben bereits ausgeblüht und eine andere Gattung wächst nicht innerhalb der Barriere.«
Ein seltsames Gefühl ergriff sie bei ihren letzten Worten. Innerhalb der Barriere …
»Ich werde nach den Kindern sehen«, versprach Viktor.
Dankbar nickte Ella. Sie arbeitete nun seit über fünf Jahren als eine Art Krankenschwester für ihn. Er hatte ihr alles beigebracht, was sie wissen musste und sie bewunderte den Mann. Aber sie wusste auch, dass er nie wirklich über die Gift-Pandemie hinweggekommen war, die vor achtzehn Jahren mehr als die Hälfte der Menschheit dahingerafft hatte.
Nachdenklich verließ sie die Praxis und war schnell wieder in Gedanken versunken. In ihrem geschützten Tal wuchsen keine anderen Linden. Aber vielleicht hinter dem Wall? Die Wälder eroberten die ursprünglich bebauten Flächen zurück, als würde ihnen der verhängnisvolle Chemiecocktail von damals immer noch als eine Art Dünger dienen. Zahlreiche Baumarten wuchsen außerhalb und ihr wurde klar, dass sie das Risiko eingehen musste. Entschlossen ging sie nach Hause und holte den Korb, den sie zum Kräutersammeln verwendete. Als sie sich wenig später dem hohen Wall näherte, trat sie mit gemischten Gefühlen zu den hohen Barrieren.
Seit etwa zehn Jahren lauerte etwas Düsteres in den Wäldern, namenlos und dunkel – die Schatten.
Ella fröstelte bei dem Gedanken. Sie würde nicht zu weit hinausgehen. In einiger Entfernung sah sie, wie Viktor in eines der Häuser einkehrte. Er hielt also sein Versprechen. Nun musste sie alles dafür tun, um den Kindern ein neues Fiebermittel zu besorgen.
Die gezimmerten Balken der Schutzwand waren hoch hinauf gebaut worden. Ella musste den Kopf in den Nacken legen, um das Ende zu sehen. Zwischen den Balken wuchsen Efeu und andere Ranken – irgendwann würden sie die Barriere von innen völlig überwuchert haben.
Piet, der junge Mann, der den Wachdienst am Tor leistete, sah Ella verwundert entgegen, als sie näher trat.
»Hallo Ella, brauchst du was?«
»Ja, ich muss hinaus.«
»Du musst … hinaus?« Erschrecken malte sich auf Piets Zügen ab. »Da hinaus?!« Er zeigte auf den Durchgang, den er beaufsichtigte.
Übelkeit stieg in Ella auf. Sie vermied direkten Blickkontakt und gab sich mutig. »Die Kinder brauchen Medizin und unsere Linden tragen keine Blüten mehr, also lass mich kurz hinaus, damit ich dort ein paar pflücken kann, ja?«
»Okay«, hauchte er nur.
Mit zittrigen Fingern schob er den Schlüssel in das Schloss des hohen Tores. Es knarrte leise, als er die Öffnung einen Spalt aufschob.
»Pass auf dich auf und komm schnell zurück!«
Die Pforte schloss sich hinter ihr und Ella antwortete nicht mehr, der riesige Dschungel breitete sich vor ihr aus und drohte sie zu verschlingen. Bäume ragten wie Riesen vor ihr auf und verdeckten mit ihren Kronen die Sonne. Nur vereinzelte Lichtstrahlen drangen wie lange Scheinwerfer bis zum Waldboden. Vogelschwärme flogen hoch oben in den Ästen, Geißblatt- und Efeuranken kletterten an den Stämmen hinauf und bildeten Lianen, die sie an einen Urwald erinnerten. Das Unterholz kam Ella so dicht vor, dass sie sich fragte, ob sie hier überhaupt einen Weg hinein finden würde.
Als es im Gehölz leise raschelte, zog Ella ihr kleines Messer aus der Rocktasche. Das Herz schlug heftig in ihrer Brust und sie wagte sich für einen Moment nicht aus dem Schatten der Schutzbarriere. Wenn doch nur ihre Hände nicht so zittern würden!
Hinter der Wand hörte sie aufgeregte Stimmen. Man hieß ihr Vorhaben wohl nicht gut. Aber was sollte sie tun? Nie würde sie die Katastrophe von damals vergessen. Sie träumte noch immer von den Fiebernden, die verzweifelt und entkräftet durch die Straßen gewankt waren. Die vergeblich auf Hilfe hofften – und die man im Stich gelassen hatte, weil die Angst vor der Krankheit schlimmer als alles andere gewesen war.
Ella straffte sich, sie wischte die verschwitzten Handinnenflächen an ihrem Rock ab und schlich mit erhobenem Messer in die Nähe des großen Waldes.
Hier herrschte Frieden.
Diese Erkenntnis überraschte sie, konnte ihre Furcht vor den Schatten jedoch nicht mildern. So leise wie möglich huschte sie durch das Gehölz, immer auf der Suche nach einer Lindenart, die noch nicht ausgeblüht hatte. Nach über einer Stunde – sie lief stets am Waldrand entlang, um nicht die Sicht auf die Barriere zu verlieren – fand sie eine junge Winterlinde, die in voller Blüte stand. Der feine Duft des Baumes erinnerte sie wie immer an einen warmen Sommertag – den Tag, an dem ihr Bruder zurückgelassen worden war. Die Vergiftung hatte ihm bereits das dichte Haar und den Verstand geraubt. Er galt als verschollen, wie so viele andere, die man damals für tot erklärte.
Ella schüttelte den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben, und kletterte auf die verzweigten Äste. Sie hängte ihren Korb an einen der Zweige und schnitt so viele Blüten ab, wie hineinpassten.
Als sie ein seltsames Geräusch hörte, blickte Ella alarmiert auf. Geisterhaft hallte plötzlich ein Jammern durch den Wald. Die Angst kroch wie ein schleichendes Raubtier in ihre Sinne und lähmte sie für einen Moment. Bewegungslos hockte sie auf einer der oberen Astgabelungen.
Lass es keinen Schatten sein!
Ella horchte angestrengt. Eine Brise rauschte in den Blättern, kleine Vögel piepsten wie Mäuse in den Sträuchern, ein Hund bellte innerhalb des Walls … Da! Wieder wehte der Wind ein Weinen zu ihr. Es klang wie das Schluchzen eines Kindes.
Hatte sich hier etwa eines verirrt? Es musste keines aus ihrem Tal sein, denn es gab noch andere Dorfgemeinschaften. Sie konnte dieses Weinen einfach nicht ignorieren. Rasch kletterte sie hinab und folgte dem Klang der jammernden Stimme, die nun am Boden viel deutlicher zu hören war. Zaghaft betrat sie den tiefen Wald. Das Zwielicht der Bäume erschien ihr beschützend. Farne wuchsen am Boden und bildeten einen eigenen Miniaturwald zwischen den hohen Eichen und Buchen. Ella sah zurück und prägte sich den Weg ein. Sie durfte sich später auf keinen Fall verirren.
Ein schmaler Bach teilte unweit des Waldrandes eine moosbewachsene Fläche. Das Wasser plätscherte über kleine Felsen, auf denen glitschige Algen wuchsen. Wachsam folgte sie dem Lauf des Gewässers eine Weile und blieb dann erschrocken stehen: Ein kleines Mädchen saß im Schlamm und weinte bitterlich. Ella besann sich und eilte zu ihm, wich aber entsetzt zurück. Neben der Kleinen lag eine reglose Gestalt mit verkrümmten Gliedern, als wäre sie den Abhang hinabgestürzt. Fell bedeckte den Körper, er schien mit dem Laub zu verschmelzen. Ein Schatten!, dachte Ella erschrocken.
Sie weigerte sich, die Kreatur näher zu betrachten, packte das Kind am Arm und zog es an sich. Es mochte vielleicht fünf Jahre alt sein, trug nur einen schmutzigen Fetzen am Leib und zitterte am ganzen Körper.
»Ist ja gut. Jetzt bin ich ja da«, flüsterte sie ihm zu.
Das Mädchen wehrte sich zuerst, ließ sich dann erschöpft in ihre Arme sinken.
»Wer bist du?«, fragte sie. Das Kind schaute mit geweiteten Augen zu ihr empor. Das behelfsmäßige Kleid rutschte hoch, als Ella die Kleine ein wenig anders auf ihrem Arm positionierte. Überrascht registrierte Ella, dass sie hier keineswegs ein Mädchen, sondern einen Jungen vor sich hatte.
Sie strich sein langes verfilztes Haar nach hinten und hob ihn auf ihre Arme. Der Junge schluchzte leise und lehnte seinen Kopf an Ellas Schulter.
»Ich bringe dich nach Hause, hab keine Angst.«
 

 

12 Jahre später
 
Amelie kaute auf ihrem Bleistift herum und starrte Löcher in die Luft. Sie hasste Aufsätze und dieses Thema fühlte sich einfach unheimlich an. Die älteren Leute schauten sehnsuchtsvoll in die Ferne, wenn sie an die alte Welt dachten. Amelie kannte diese Zeit nicht einmal, sie war erst siebzehn und liebte ihr Zuhause. Sie wollte sich nicht vorstellen von Autoabgasen erstickt zu werden, oder womöglich nur noch Asphalt unter ihren Füßen zu spüren. Sie wollte den Wind in den Bäumen rauschen hören. Die Vögel sollten in Schwärmen über ihre kleinen Häuser ziehen und ihre bloßen Füße wollten Moos und Erde betreten, kein hartes Gestein. Die Schatten konnten ebenfalls bleiben, wo der Pfeffer wächst – schließlich schützten die Barrieren ihr weiträumiges Tal vor jeglichem Eindringen.
Amelie seufzte auf. Es nutzte nichts. Die Arbeit musste bis zum nächsten Tag fertig sein und wieder einmal konfrontierte sie der Geschichtsunterricht mit der düsteren Vergangenheit der anderen, von der sie eigentlich nichts wissen wollte. Obwohl … die alten Ruinen der Städte hätte sie gerne einmal gesehen.
Missmutig zog sie ihr Heft an sich und begann zu schreiben.
Vor fünfunddreißig Jahren revolutionierte eine neue Energiegewinnung die Welt. Endlich konnte man die Atomkraftwerke stilllegen. Ursprünglich gewann man durch das normale Fracking nur Gas aus den unteren Erdschichten, doch schnell fanden Wissenschaftler heraus, dass man mit bestimmten chemischen Zusätzen und extremen Tiefenbohrungen wahre Energiequellen aus den tiefen Bodenschichten anzapfen konnte. Mit hohem maschinellem Druck auf die Gesteinsschichten in fast fünfzehn Kilometern Tiefe und einem gefährlichen Chemiecocktail beutete man die Erde aus und legte so den Grundstein für das Ende der ›alten Welt‹.
Amelie hob den Blick von ihrer Schreibarbeit und musste zugeben, dass dieses Thema, befasste man sich einmal konzentriert damit, durchaus eine gewisse Faszination beinhaltete. Was hatte sich die Regierung nur dabei gedacht? Angeblich hatte man damals die Risiken zur Genüge abgewogen, auch weil man die Bohrungen sehr nah an den Großstädten durchführte, um zu verhindern, dass die Energie durch zu lange Leitwege abnahm. Aber trotz der Proteste seitens der Bevölkerung hatte man das Vorhaben erbarmungslos durchgesetzt. Amelie konnte sich die Masse an Geld, die damals geflossen war, kaum vorstellen. Heute verzichtete man auf derartige Bezahlung. Man tauschte Waren aus. In den Tälern nutzten keine Papierscheine oder metallene Münzen, sie waren wertlos geworden.
Amelie widmete sich wieder ihrem Aufsatz.
Als die ersten Erdbeben begannen, schob man es auf die natürlichen Veränderungen der Erdkruste. Die Pflanzenwelt erstarkte und die Menschen konnten deren Wachstum kaum hemmen, je mehr Chemie in die Bodenschichten gepumpt wurde. Man tat es als unwichtig ab. Als die ersten Vergifteten durch die Straßen taumelten, nahm man die Warnungen ernst. Denn die Chemie, die bei der Energiegewinnung benutzt wurde, strömte aus den Gesteinsschichten und setzte sich im Grundwasser fest, verseuchte weiträumige Gebiete rund um die Bohrungen. Nach und nach entwickelte sich die Vergiftung zu einer Pandemie. Fieber griff um sich. Die Infizierten, wie man sie nannte, verloren ihre Haare, ihre Gliedmaßen schmerzten und schlussendlich büßten sie ihren Verstand ein. Die Vergiftung raffte die Hälfte der Menschheit dahin und man war nicht sicher, ob sie nun zu einer Krankheit mutiert war. Die Überlebenden flüchteten Hals über Kopf aus den verseuchten Großstädten, ließen ihre vergifteten Kinder, ihren Ehemann, oder ihre Geschwister zurück und überließen sie ihrem Schicksal.
Amelie schluckte. Konnte sie das so schreiben?Sie sah jetzt schon den entsetzten Blick ihrer alten Lehrerin, die, wie Amelie wusste, ihre erstgeborene Tochter zurücklassen musste. Sie änderte den Satz und schwächte ihre Aussage ab. Frau Turner verdiente es nicht, auf ihren Verlust hingewiesen zu werden.
Fünf Jahre später erschienen die ersten Schatten in den Wäldern und man errichtete die Talbarrieren, um vor ihnen geschützt zu sein.
Mehr würde Amelie nicht über diese Wesen schreiben, die jeden das Fürchten lehrten.
Heute lebt man in geschützten Orten, die man Täler nennt. Die verseuchten Gebiete sind abgesperrt, das Grundwasser ist dort nach wie vor vergiftet. Einzig die Wälder konnten die chemischen Gifte im Boden neutralisieren und für sich nutzen, was zur Folge hatte, dass die Natur die Oberhand zurückerlangte.
Nachdenklich legte Amelie ihren Stift beiseite.
Ihre Mutter Erika schaute ins Zimmer. »Amelie, bist du fertig?«
»Ja, so gut wie.« Ob knapp zwei Seiten für eine einigermaßen gute Note ausreichten?
»Das Essen ist fertig. Komm zu Tisch.«
»Okay«, sagte Amelie und quetschte das Heft zwischen die Ordner in ihre Schultasche. Vielleicht fiel ihr ja später noch etwas dazu ein.
Sie löschte die Öllampe auf ihrem Schreibtisch und steuerte das kleine Esszimmer an. Beim Abendbrot ging es schweigsam zu. Ihr Vater arbeitete noch an den Schutzwällen, versuchte mit einigen anderen den Pflanzenwuchs einzudämmen, der sich durch die Holzbalken schlängelte. Ihre Mutter schien unglücklich darüber zu sein und ihr jüngerer Bruder Marco kaute verträumt auf seinem Wurstbrot herum, vertieft in seine Gedankenwelt, in der er vermutlich die Schatten besiegte. Augenrollend strich sich Amelie das gewellte Haar hinter die Ohren und schmierte sich einen Honigtoast. Bienen gab es glücklicherweise wieder. Als die Menschen aus den Städten flüchteten, waren vor allem die Wildbienen fast ausgestorben, nun erholte sich der Bestand und wurde von den Menschen mit Sorgfalt behandelt.
Amelie biss herzhaft in den Toast und genoss die Süße des Wiesenhonigs.
»Musst du nachher noch bei den Tieren helfen?«, fragte ihre Mutter.
»Jaah«, sagte Amelie maulig.
»Gut, dann kannst du deinem Vater ein paar Brote mitbringen. Er wird wohl spät kommen, weil sie sicher noch am Feuer zusammensitzen werden.«
»Mach ich, kein Problem.«
Nach dem Essen half Amelie ihrer Mutter den Tisch abzuräumen. Sie wirkte heute traurig, tief in Erinnerungen verstrickt.
»Hast du was, Mama?«
Erika seufzte. »Heute vor dreißig Jahren sind wir aus … der Stadt geflüchtet.«
Niemand nannte mehr die Namen der alten Städte. Sie waren verloren, wie die Vergangenheit.
»Das wusste ich nicht. Tut mir leid, Mama.«
Deshalb also der Aufsatz! Hatte sie in der Schule nicht zugehört?
Amelie wusste, dass ihre Mutter eine Schwester und ihren Vater zurücklassen musste. Erika selbst war zwölf gewesen, als sie mit Amelies Großmutter überstürzt flüchtete. Amelie hatte ihre Oma nie kennengelernt, auch sie starb viel zu früh. Sie legte ihrer Mutter tröstend eine Hand auf die Schulter.
»Erinnerst du dich überhaupt noch an damals?«
Erika lächelte traurig. »Als wäre es gestern gewesen. Mama fuhr mich jeden Tag mit dem Auto zur Schule, weil der Weg zum Gymnasium so weit war. Es roch anders, ein wenig stickiger, aber man war daran gewöhnt.«
Ihr Blick richtete sich in die Ferne und Amelie hörte schweigend zu. Ihre Mutter erzählte sonst kaum etwas aus ihrer Kindheit.
»Wenn Papa nach Hause kam, stand schon das Essen auf dem Tisch. Allerdings mussten wir nicht auf Feueröfen kochen. Unsere Töpfe standen auf sauberen glatten Ceranflächen und die Kuchenteige mixte man mit Rührstäben. Die vermisse ich wirklich. Man drückte auf einen Knopf und die Rührer bewegten sich wie von allein.« Erika lachte leise. »Meist kauften wir das Brot und die Kuchen aber beim Bäcker. Es gab alles im Überfluss.«
»Wir haben doch auch Bäcker.«
»Ja, die haben wir. Und das Brot schmeckt sogar viel besser als damals.« Sie fuhr Amelie durch das Haar.
Ihre Eltern hatten ihr erzählt, dass es am Anfang noch Stromgeneratoren und Batterien gegeben hatte. Heute wollte niemand mehr nach Öl bohren und keiner ging in die verseuchten Städte. Also fand man sich mit einem einfachen Leben ab, als der Dieselkraftstoff und anderes aufgebraucht war.
Amelie beobachtete ihre Mutter, die über etwas nachzudenken schien. Schließlich ging sie zum Wohnzimmerschrank, öffnete eine Schublade, die sonst nie benutzt wurde. Amelie ging ihr nach. Erika holte ein altes Fotoalbum aus der Schublade – Amelie kannte es, hatte die Bilder aber seit Jahren nicht mehr angeschaut. Fast ehrfürchtig schlug ihre Mutter die erste Seite um. Dort sah man sie als junges Mädchen, hinter ihr erhoben sich vierstöckige Häuser. Sie stand auf einer Wiese und strahlte in die Kamera. Ein anderes Bild zeigte Erikas Vater, den Amelie nie kennengelernt hatte. Er lehnte mit stolzem Gesichtsausdruck an einem silbernen Auto. Auf einem weiteren Foto war Erika in einem Erlebnispark. Ein einzelner Baum stand im Hintergrund und ihre Mutter sprang in ein gefliestes Becken mit Wasser.
Amelie würde nie verstehen, wie die Menschen so etwas einem See hatten vorziehen können. Sie wusste, dass man diese Einrichtungen Freibad genannt hatte, konnte sich das Gefühl dazu dennoch nicht vorstellen. Sie liebte die sandigen Ufer des großen Sees in ihrem Tal. Sein Wasser war rein und frei von jeglichen Schadstoffen. Alte Birken bewahrten das Wasser, ihre Wurzeln drangen tief ins Erdreich und neutralisierten jeden chemischen Zusatz, der eventuell noch in den Bodenschichten haftete.
Als Amelie Tränen in den Augen ihrer Mutter sah, küsste sie sachte ihre Wange, ließ sie dann aber allein. Amelie wusste, dass Erika lieber für sich trauerte. Im Esszimmer wuschelte sie ihrem kleinen Bruder durch das Haar. Er spielte mit wunderschönen Holzpferden, die ihr Vater geschnitzt hatte.
»Ich geh dann mal meine Arbeit machen, okay?«
»Hmm«, machte Marco, aber sah nicht einmal auf.
Amelie schnaubte leise, nahm die Brote für ihren Vater und öffnete die Haustür. Trotz der beginnenden Dämmerung war die Luft warm und sommerlich. Der Wind rauschte in den Tannen vor ihrem Haus und sie hörte eine Maus im Gebüsch rascheln. Größere Wildtiere kamen nicht durch die Barriere, doch die kleinen schlüpften einfach durch die Ritzen.
Sie lief durch das Dorf und sog die saubere Luft ein. Es roch nach Weißdorn, Kiefern und Holz. In einigen Laternen brannte bereits eine kleine Flamme, die den kiesbestreuten Pfad erhellte.
Amelie lief auf ein großes Lagerfeuer zu. Ihre Mutter hatte Recht, die meisten Arbeiter saßen noch beisammen. Suchend schaute sie in die Gesichter, bis sie ihren Vater erspähte. Hannes lächelte, als sie näherkam, und nahm dankend sein Abendbrot entgegen.
»War alles ruhig?«, fragte sie aus Gewohnheit.
»Ja, alles in Ordnung, Schätzchen. Gehst du zu den Stallungen?«
Amelie nickte und überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass Mama heute bedrückt war, entschied sich aber zu schweigen. Sie machte ihren Kummer lieber mit sich selbst aus. Ihr Vater widmete sich wieder dem Gespräch und packte seine Brote aus. Amelie lief den Pfad zu den Ställen entlang und als sie zurücksah, schenkte er ihr noch ein kurzes Winken.
Viehgeräusche wurden lauter und sie ahnte, dass Philip über ihre Trödelei nicht glücklich sein würde.
»Kommst spät«, murrte er, als sie um die Biegung kam.
Der hochgewachsene Junge mit dem hellblonden Haar schniefte und wischte sich die schmutzigen Hände an seiner Hose ab.
»‘Tschuldige. Was muss denn noch gemacht werden?«
»Die Zäune der Kühe hab ich schon kontrolliert, Jan ist bei den Schafen. Vielleicht machst du die Pferdeställe?«
»Och Mann, eigentlich ist Marie mit dem Ausmisten dran.«
Philip zuckte mit den Schultern. »Die hilft bei der Barriere.«
»Und Rosa?«
Der Junge lachte. »Mit der darfst du dich selbst herumstreiten. Sie ist beim Schmied.«
Amelie hatte heute keine Lust mit Rosa herumzudiskutieren. Sie grinste. Wie hatten sie ihr nur so einen Namen geben können? Man erwartete ein zartes Mädchen und wenn Rosa um die Ecke stampfte, kamen eher die Gedanken an einen Stier auf.
Ein Maunzen erklang zu ihren Füßen und sie beugte sich zu der kleinen Katze herab. »Na, Morle? Hast du Hunger oder bist du auf eine Kuschelstunde aus?«
Morle schmiegte sich an ihr Bein und Amelie lachte leise. Sie kramte aus ihrer Jeanstasche ein wenig getrocknetes Fleisch hervor und legte es der kleinen Getigerten ins Gras.
Dann wurde sie auf eine Bewegung bei den Ställen aufmerksam. Dort stand Derlyn und beruhigte die trächtige Fuchsstute Lucie. Sein schulterlanges Haar hatte er in einen Zopf gezwängt. Er strich besänftigend über die Nüstern des Pferdes.
Amelie hegte eine heimliche Faszination für ihn. Derlyn war einfach anders als die übrigen Jungen − im Wesen zurückhaltender und der Natur viel mehr verbunden. Sie hatte oft genug gesehen, wie sanft er mit Tieren umging, oder wie seine Hände über einen Baumstamm strichen. Im Gegensatz zu den anderen Jungen war seine Statur feingliedriger. Amelie wusste aber, dass er trotzdem kräftig war, denn sie hatte einmal beobachtet, wie Derlyn allein einen der Mehlsäcke getragen hatte. Und der war sicher so schwer gewesen wie sie selbst.
Wenn er sie ansah, blitzte etwas in seinem Blick auf, das sie nie einordnen konnte. Derlyn schien voller Geheimnisse zu sein und sein Aussehen weckte etwas in ihr. Amelie dachte an sein ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den ausdrucksvollen Augen. Er war eher androgyn, obwohl Amelie an seinem Verhalten noch nie etwas Mädchenhaftes hatte erkennen können. Doch einige Jugendliche zogen ihn ständig deswegen auf.
Sie sah ihm eine Weile zu und verlor sich in der Betrachtung seiner schlanken Figur. Wie fühlte es sich wohl an, durch sein weich fließendes Haar zu streichen? Ihre Blicke trafen sich und Amelie wandte sich schnell ab.
»Irgendwann muss mal einer nachprüfen, ob Derlyn wirklich ein Junge ist«, sagte Philip und riss Amelie aus ihren Träumereien.
»Wie, nachprüfen?«, fragte Amelie argwöhnisch.
Da bog Rosa um die Ecke und gab ihr zur Begrüßung einen kräftigen Klaps auf die Schulter. Amelie brach theatralisch in die Knie und Rosa bog sich vor Lachen. Es war nicht so, dass Rosa dick war, sie wirkte eher wie eine Wikingerin. Groß, muskulös und mit aalglattem Haar, das sie meist zu einem Zopf geflochten hatte.
»Wer will was nachprüfen?«, fragte nun auch sie.
Amelie runzelte die Stirn. »Philip will nachprüfen, ob Derlyn wirklich ein Junge ist.«
Rosa schnaubte amüsiert. »Und wie willst du das tun? Ihm mal kurz in den Schritt packen und gucken, ob da unten was hängt? Das könnte durchaus interessant sein.«
Amelie prustete los. Derlyn schien also für alle etwas Besonderes zu sein. Man konnte ihn auf Grund seines Aussehens einfach nicht einordnen. Die meisten Jungen trugen das Haar relativ kurz, nur Derlyn trotzte diesem Dogma und sein feminines Gesicht tat sein Übriges.
Amelie schaute unauffällig zu Derlyn. Er führte gerade das Pferd in den Stall und warf ihr erneut einen Blick zu. Sah sie da ein Lächeln auf seinen Lippen?
»Ich geh dann mal in den Stall«, sagte sie rasch zu den anderen, doch Philip hielt sie auf.
»Komm schon, ich hab das ernst gemeint.«
Amelie runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Eine Wette! Ich glaube, dass Derlyn in Wahrheit ein Mädchen ist.«
Rosa lachte ob dieser Behauptung. »Bin dabei. Amelie?«
»Ich halte dagegen!«, erwiderte Amelie. Was hatten sie vor?
»Dann prüfst du es nach!«, sagte Philip.
Amelie blickte ihn perplex an. »Wie bitte?«
»Na, du bist doch die Mutigste von uns«, schmeichelte Rosa.
»Das wage ich zu bezweifeln«, sagte Amelie.
»Du könntest es beim Klassenausflug machen! Wenn er schläft, gehst du in sein Zelt und … Nun ja.« Philip sah sie erwartungsvoll an.
Sie waren verrückt!
»Wenn du gewinnst, übernehmen wir eine Woche deine Jugendarbeit!«
Das klang weniger verrückt. »Im Ernst?«
»Na klar!«, versprach auch Rosa.
Erneut schweifte ihre Aufmerksamkeit zu den Stallungen. Derlyn war darin verschwunden. Wahrscheinlich mistete er bereits die Ställe aus.
Amelie knabberte auf ihrer Unterlippe herum und überlegte, ob sie Derlyn so demütigen könnte. Durch seine sonderbare Herkunft blieb er ohnehin immer ein Außenseiter. Wer wurde schon im Wald hinter den Schutzwällen gefunden? Nicht einmal richtig sprechen konnte er damals. Jedoch … Die Aussicht auf eine Woche Freiheit ohne Arbeit war zu verlockend. Sie willigte ein. »In Ordnung!«. Doch als sie zum Pferdestall ging, hatte Amelie ein ungutes Gefühl in der Magengrube.
 
*
 
Derlyn horchte auf das nervöse Schnauben der Fuchsstute. Noch immer beunruhigte sie die Anwesenheit ihrer neuen Stallgenossin, die argwöhnisch an ihrem Gatter schnupperte. Er lächelte, als er sah, wie der kleine Schimmel namens Judy den Kopf schieflegte und wohl erwog, die Rote zu beißen.
»Sie wird dir die Leviten lesen, ich sag es dir, Judy. Mit ihr ist nicht zu spaßen, wenn sie trächtig ist.«
Judy legte die Ohren an und schnaubte, als hätte sie ihn verstanden.
Das Stalltor knarrte leise und ihr unverkennbarer Duft näherte sich. Der Geruch von Honig vermischt mit Wildblumen verfolgte Amelie stets und er ließ ihn einen Augenblick auf sich wirken. Als sie leise grüßte, drehte er sich nicht um, sondern schaufelte eine Gabel Mist auf die Schubkarre. Erst dann wandte er sich ihr zu. Die Gefühle, die er von ihr auffing, schienen ihm widersprüchlich zu sein. Als sie die Stirn krauste, bestätigte sich dieser Eindruck nur. Sie schenkte ihm ein fast schüchternes Lächeln, bändigte ihre dunkelblonden Haare mit einem Band und griff nach der zweiten Mistgabel. Einige Strähnen schlängelten sich vorne wieder heraus und umrahmten ihr elfenhaftes Gesicht.
»Hat sich Lucie wieder beruhigt?«, fragte sie in die Stille hinein.
Hatte Amelie ihn beobachtet?
»Ja, sie kommt mit Judy noch nicht so gut zurecht, aber es wird schon.«
»Ah, okay. Mir ist nur aufgefallen, dass sie vorhin ein wenig nervös war.«
»Ich hab sie beruhigt«, sagte er.
Schweigend misteten sie die Ställe aus. Ab und an schenkte sie ihm seltsame Blicke, die er trotz seiner Auffassungsgabe nicht zu deuten wusste. Als sie ihre Arbeit beendeten, verabschiedete sie sich viel zu schnell und schien fast aus dem Stall zu flüchten.
Derlyn lehnte sich an das Gatter und beobachtete, wie sie mit Philip und Rosa davonging. Heckten die drei etwas aus? Ein letztes Mal sah sich Amelie zu ihm um und ihr Gesichtsausdruck jagte ihm einen Schauer über die Haut. Sie heckten etwas aus! Und es musste mit ihm zu tun haben.
Derlyn schnaubte belustigt. Für gewöhnlich ließ ihn das ziemlich kalt, aber Amelie benahm sich wirklich merkwürdig.
Er mochte es, wenn sie ihn nicht einschätzen konnten, wenn er geheimnisvoll blieb. Sie ahnten kaum, wie sehr er sich von den anderen Jugendlichen unterschied. Nur seine Pflegemutter vermutete etwas, doch auch ihr vertraute er sich selten an. Und er selbst begriff diese Besonderheiten nicht, das nagte an ihm. Seine Erinnerungen verschwammen, wenn er versuchte an seine frühste Kindheit zu denken, er konnte sie nicht fassen. Nur in Träumen schien er sie manchmal zu sehen, verstehen konnte er diese Bilder aber nicht.
Er strich der Fuchsstute über die weiße Blesse und ging hinüber auf die andere Weide, wo noch immer einige Kühe grasten. Andere ruhten bereits im Unterstand. Derlyn wollte noch mal nach Ilsas Wunde sehen und auf seinen Ruf hin trottete die Mutterkuh brav zu ihm. Sie stupste ihn sachte an. Gewissenhaft kontrollierte er die Verletzung, die sie sich wohl an einem der Zäune zugefügt hatte. Zufrieden registrierte er, dass die Wunde bereits verschorft war, und er entließ das Tier mit einem sanften Klaps auf das Hinterteil.
In der Ferne sah Derlyn das Lagerfeuer der Barrierearbeiter. Es beleuchtete die östliche Seite der Wälle, die sich rund um das Tal erhoben. Am Himmel blitzten bereits erste Sterne und er schlenderte über das feuchte Gras, kletterte über den Viehzaun und ließ die anderen Einwohner hinter sich. Samtige Dunkelheit umfing ihn. Das Zirpen der Grillen wiegte ihn in Sicherheit und der Mond erschien als silberne Sichel über dem See vor ihm. Er hörte das Plätschern der Wellen, die an das sandige Ufer schwappten. Rasch passten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse an und die Bäume verwandelten sich in grün schimmernde Riesen, durch die eine Windböe rauschte.
Links von ihm erhob sich die Schutzwand. Ohne weiter über Gefahren nachzudenken lief er darauf zu, fasste in die dicken Ranken des Efeus und hangelte sich daran empor. Ein wenig atemlos kletterte er bis zur Kante und setzte sich obenauf. Der Wald der Außenwelt lag nun ausgebreitet vor ihm. Die Bäume überragten ihn, alles andere schien von der Höhe aus unerreichbar zu sein.
Pure Sehnsucht erfasste ihn, als sein Blick sich vollendet an die Umgebung anpasste und das Grün der Blätter aufschimmerte. Er schaute auf ein zart leuchtendes Meer aus Laub, Sträuchern und Stämmen.
Am Waldrand bewegte sich etwas. Derlyn hielt den Atem an. War es ein Wildtier? Auf einer kleinen mondbeschienenen Lichtung sah er eine menschenähnliche Gestalt hocken. Augenblicklich raste sein Herz und er duckte sich, kroch dann langsam zurück in den Schutz des hohen Walls. Trotzdem konnte er die Augen nicht von der vagen Erscheinung nehmen.
Plötzlich hob sie den Kopf. Glühende Augen starrten in seine Richtung. Derlyn erschrak so sehr, dass er fast heruntergestürzt wäre. Ein Schatten – so nah am Tal!
Hastig kletterte er an den Ranken hinab und war froh, dass die Außenseite nicht zu bezwingen war. Regelmäßig kappte man dort die Pflanzen, um die polierte Fläche zu bewahren.
Niemand wusste, was die Schatten waren. Keiner konnte sie wirklich beschreiben. Nur die Angst vor ihnen war allgegenwärtig. Ob sie wirklich Jagd auf Menschen machten? Man erzählte es sich. Derlyn wusste nur, dass man an manchen Abenden ein Kratzen an der Außenwand vernehmen konnte. Als ob sich dort jemand Zutritt verschaffen wollte.
Als er wieder festen Boden unter den Füßen spürte, roch er unerwartet einen Geruch, der ihm vertraut und gleichzeitig völlig fremd vorkam. Ein leises Scharren ertönte von der anderen Seite und Derlyn stellten sich alle Nackenhaare auf.
Der Schatten hatte ihn bemerkt!
Kälte kroch wie mit klammen Fingern unter seine Jacke. Er drehte sich abrupt um, rannte über die Wiese und stoppte erst, als er das Lachen am Lagerfeuer hörte. Sollte er seiner Mutter davon erzählen? Ella wäre außer sich, das wusste er. Sie hasste es, wenn er auf die Barriere kletterte. Trotzdem zog ihn etwas magisch dorthin – trotz aller Furcht vor den Schatten.
 
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© Tanja Bern