Verschollene Briefe, eine Reise nach Schweden und das Geheimnis der wahren Liebe.

Als ihre Urgroßmutter Johanna krank wird, bietet Emilia an, sie zu betreuen. Sie kümmert sich liebevoll um die alte Dame, die ihr viele Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählt. Emilia taucht tief in die Wirren des Zweiten Weltkrieges ein und entdeckt ein wohlgehütetes Familiengeheimnis: Ihre Urgroßmutter flüchtete damals aus Pommern - und trotz all der Schrecken fand sie die große Liebe. Briefe ihres damaligen Geliebten, die die alte Frau sorgsam versteckt hielt, zeugen von den tiefen Gefühlen. Nach Johannas Tod erwacht in Emilia der Wunsch, mehr über die bewegte Vergangenheit ihrer Urgroßmutter herauszufinden. Sie begibt sich nach Südschweden in die Pension des charmanten Lars Tjorveson. Hier will sie zur Ruhe kommen und nach dem Menschen suchen, der Johanna so viel bedeutet hat. Doch in dem kleinen Ferienort findet sie letztendlich so viel mehr als nur die Wahrheit ...

Ein ergreifender Familiengeheimnis-Roman über die Fragen, wer man ist und wohin man gehört - und über die eine große Liebe.

 

 

Das Geheimnis der schwedischen Briefe

Genre: Familiengeheimnis/Romance
Verlag: Bastei Lübbe

 

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1

 

 

Berlin, August 2018

 

Emilia trat in das Patientenzimmer, grüßte lächelnd, und wandte sich an die junge Frau, die unbeirrt weiter etwas in ihr Netbook tippte. Emilia prüfte die Infusion und schüttelte leicht den Kopf.

„Frau Larien, Sie müssen bitte die Hand ruhig halten, so lange der Tropf noch nicht durchgelaufen ist. Sonst stockt es immer.“

Genervt blickte die Patientin Emilia an. „Ich kann das hier nicht stundenlang liegen lassen, das muss bis morgen fertig werden.“

„Okay, aber Sie möchten gesund werden, oder?“

„So schnell wie möglich!“

„Gut, dann lassen Sie die Infusion durchlaufen.“

Mit einem wütenden Schnauben klappte Frau Larien das Gerät zu und starrte auf den stummen TV-Bildschirm. Ihre Mitpatientin verfolgte mit Kopfhörern die Seifenoper, die gerade ausgestrahlt wurde.

Oft ließen die Patienten ihre Wut und Hilflosigkeit an den Schwestern aus. Meist prallte das an Emilia ab, da sie wusste, wie schlecht es einigen von ihnen ging.

Sie huschte ins Schwesternzimmer, nahm rasch einen Schluck ihres kalten Kaffees, und ging zum anderen Ende des Flurs. Landschaftsgemälde schmückten die weiß gestrichenen Wände. Emilia schaute sich im Vorbeigehen gern die harmonischen Ansichten der Seen und Wälder an. Für einen Augenblick blitzte dann der Gedanke an Urlaub auf. Aber dieser stand ja in absehbarer Zeit bevor.

Als Emilia die Tür zum nächsten Patientenzimmer öffnete, verharrte sie kurz und verzog leicht das Gesicht. Die Luft war abgestanden und viel zu warm. Sie überlegte, ob es besser wäre, die Fenster zu öffnen oder sie wegen der Augusthitze geschlossen zu halten. Auf jeden Fall musste frische Luft in den Raum. Also stellte sie die Fenster auf kipp und ließ die Tür zum Flur vorerst offen. Frau Schneider schlief mit offenem Mund, und Emilia fühlte kurz ihren Puls. Sie sorgte sich um diese Patientin, die wegen einer Beinthrombose aus dem Altenheim eingeliefert worden war. Die Frau erwachte immer nur kurz und schien manchmal schon in andere Sphären abzutauchen.

„Schwester Emilia, haben Sie Durchzug gemacht?“, fragte die andere Patientin und versuchte, sich aufzurichten. Emilia legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter und stellte ihr Kopfteil höher.

„Ich lüfte nur einen Moment. Hier ist es ziemlich stickig.“

„Mir macht ein bisschen Sauerstoffmangel im Zimmer doch nichts aus.“ Frau Krutter zeigte auf den flexiblen Kunststoffschlauch an ihrer Nase.

Mit einem leisen Lachen wies Emilia auf Frau Schneider. „Aber sie hat keine Sauerstoffbrille. Ich mache beim Rausgehen die Tür wieder zu, lasse aber die Fenster noch offen, in Ordnung?“

„Wenn‘s sein muss“, murmelte Frau Krutter augenzwinkernd.

„Haben Sie Angst, dass Sie sich verkühlen?“, fragte Emilia schmunzelnd. „Nein, aber der Wind könnte mich ...“ Frau Krutter stockte und räusperte sich. „... aus dem Bett wehen, so dünn wie ich bin“, fuhr sie dann heiser fort.

„Klingeln Sie, wenn ein Wirbelsturm durch die Fensterspalten hereinweht, dann komme ich sofort und rette Sie.“

„Dann ist es ja gut.“ Sie lachte fast lautlos und hustete unterdrückt.

Auf dem Flur atmete Emilia erleichtert auf. Hier war die Luft wesentlich angenehmer.

Emilia mochte ihren Beruf. In der Klinik fühlte sie sich in ihrem Element und genoss den Umgang mit den Menschen. Bevor sie ein Zimmer betrat, schaute sie kurz in die Patientenakte. Der junge Mann auf Zimmer 303 musste einen Ultraschall bekommen, und sie hoffte, dass er sich mittlerweile ein wenig auskannte, um allein in die Abteilung zu finden. Sie hatte gleich Feierabend.

Emilia öffnete die Tür und grüßte die beiden Männer in den Betten. Sie steuerte den Fensterplatz an, wo Herr Lehmann lag.

„Wo muss ich denn dieses Mal hin?“, fragte er mit einem schelmischen Lächeln.

„Heute ist endlich der Ultraschall dran. Gestern hat es ja nicht mehr geklappt, wofür ich mich noch einmal entschuldigen möchte.“

„Nun ja, Notfälle gehen eben vor.“

„Wissen Sie noch, wie Sie in die Abteilung kommen?“

„Ich denke schon.“

Herr Lehmann stand auf, richtete seinen Jogginganzug, und nahm die Unterlagen von Emilia entgegen. Er wuschelte sich durch das braune Haar und ging in Richtung Tür. Emilia folgte ihm.

„Schwester?“

Sie hielt inne, wandte sich dem anderen Patienten zu.

„Ich wollte nur Bescheid sagen, dass meine Infusion schon seit einer halben Stunde durchgelaufen ist“, bemerkte er.

„Ich kümmere mich sofort darum. Einen Moment bitte, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

Tim, einer der Krankenpfleger schaute ins Zimmer hinein und begegnete Emilias Blick. „Da bist du ja, ich hab dich schon gesucht. Du sollst zur Pflegeleitung kommen.“

Sie schaute ihn verdutzt an. „Dann müsstest du hier bitte die Infusion abstöpseln.“

„Ich übernehme das. Melde dich direkt bei Thea.“

Emilia überließ Tim den Patienten und begab sich zu den Fahrstühlen. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend fuhr sie zwei Stockwerke tiefer.

Ob es Probleme mit ihrem Urlaub gab? Sie hatte ihn schon vor Wochen eingereicht. Müsste sie ihn wieder einmal verschieben? Während sie die Tür öffnete, schrieb sie den Gedanken an eine Last-Minute-Buchung innerlich ab.

Thea blickte auf. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und ordnete einen Stapel Papiere. Mit einer raschen Geste strich sie sich das kurz geschnittene Haar nach hinten.

Emilia setzte sich ihr gegenüber und seufzte. „Sag schon, mein Urlaub ist gestrichen.“

Thea blinzelte, sah sie an und senkte dann den Kopf über ihre Unterlagen. „Darum geht‘s nicht.“

„Oh, muss ich wo aushelfen?“

„Hör auf zu raten, ja?“ Thea holte tief Luft und sah Emilia mit ernster Miene an. „Dein befristeter Vertrag läuft Ende August aus und kann leider nicht verlängert werden.“

Es wurde so still, dass Emilia einen unangenehmen Druck in den Ohren verspürte. Ihr Herz pochte heftig gegen ihren Brustkorb.

„Tut mir leid, Emilia. Ich hab es auch erst vor ein paar Tagen erfahren. Es hat nichts mit dir oder deinen Fähigkeiten zu tun. Das versichere ich dir. Aber von oberster Stelle kam die Order, dass einige der befristeten Verträge auslaufen müssen.“

„Bisher wurden die Verträge doch immer verlängert“, entgegnete Emilia und fühlte sich wie in einem Albtraum.

„Es ist wegen der Fusion mit der Franziskus-Klinik. Der Zusammenschluss der Kliniken mag nicht sofort zustande kommen, aber wir werden dann nicht das Personal von zwei Häusern halten können.“

„Und ihr beginnt jetzt schon mit dem Stellenabbau“, sagte Emilia mehr zu sich selbst und versuchte, ihre aufwallenden Gefühle unter Kontrolle zu halten.

„Ja. Und weil dir noch Urlaub zusteht, wollte ich dich fragen, ob du ihn jetzt schon nehmen möchtest.“

Theas mildes Lächeln gefror, als sie Emilias Gesichtsausdruck sah.

In Emilias Kopf drehte sich alles. Dieses Krankenhaus war zu ihrem Lebensinhalt geworden. Sie arbeitete gern hier, hatte sich nie über die oft viel zu langen Arbeitszeiten und das recht niedrige Gehalt beschwert. Sie hatte fast all ihre Hobbys aufgegeben, Partnerschaften waren gescheitert, weil sie in diesem Job ihre Berufung gefunden hatte. Emilia fühlte sich, als sei ihr der Boden unter den Füßen weggerissen worden.

Sie rutschte mit dem Stuhl nach hinten, sodass es ein kratzendes Geräusch gab, und stand auf.

„Gibt es noch Formalitäten?“, fragte sie tonlos.

„Eigentlich nicht. Was ist mit dem Urlaub?“

„Ich nehme ihn“, sagte Emilia leise und ging zur Tür. Sie kämpfte mit den Tränen.

„Nun warte doch mal“, rief ihr Thea hinterher.

Emilia schüttelte den Kopf und eilte zu den Aufzügen. Eine der Fahrstuhltüren öffnete sich. Rasch trat sie hinein und betätigte den Knopf für das Türenschließen, um Thea zu entkommen. Den verdutzten Patienten im Rollstuhl ignorierte sie.

Ein Kälteschauer überlief sie, obwohl es auch im Aufzug viel zu warm war. Noch immer raste ihr Herz, und ihr war ein bisschen übel.

Ungeduldig schaute sie auf die Anzeige der Stockwerke. Ihr Blick fiel auf die verspiegelte Wand. Ihre dunkelblauen Augen wirkten fast schwarz, ihre Sicht verschwamm vor Tränen.

Der Mann im Aufzug beäugte sie. Kurzerhand zog sie das Band von ihrem Zopf und schüttelte das Haar auf, um sich hinter ihren karamellfarbenen Locken zu verstecken. Ihre Hand fuhr in die Tasche ihres Krankenhauskittels und fand einen Kugelschreiber mit dem Emblem der Klinik. Sie starrte wie betäubt darauf.

Als der Fahrstuhl ruckend anhielt und sich die Türen öffneten, stieg sie ohne einen Gruß aus. Den Kuli legte sie auf einen Sims.

Ob die Kollegen es gewusst hatten? Nein, ihre Freundin Miriam hätte sie gewarnt.

Bewusst ging sie jedem aus dem Weg. In Windeseile klaubte sie ihre persönlichen Sachen zusammen und flüchtete durch einen Hinterausgang des Krankenhauses. In der Nähe befand sich die Einfahrt der Rettungswagen, und Emilia nahm einen Trampelpfad über die Wiese vor dem Gebäude.

Vor ihr lag eine Allee mit parkenden Autos. Die Straße war still an diesem Nachmittag. Trotz des schönen Wetters waren keine Bewohner auf den Balkonen der Reihenhäuser zu sehen. Emilia stolperte über einen Ast, fing sich und lief zu einer kleinen Grünanlage. Eine alte Weide bot ihr Schutz vor der Sonne, und sie ließ sich am Stamm hinuntergleiten.

Wie gelähmt starrte sie auf das Krankenhausgebäude, das aus einem Alt- und einem Neubau bestand. Beide existierten in symbiotischer Weise miteinander. Emilia hatte sich in diesem Bild wiedergefunden. Sie fühlte sich der Klinik eng verbunden. Hier wurde sie gebraucht. Ihre Person gewann eine gewisse Bedeutung, weil die meisten Patienten sie sehr mochten und für ihre Fürsorge echte Dankbarkeit zeigten. Nach der Trennung von Lucas, ihrem letzten Partner, hatte sie drei Jahre all ihre Energie in diese Arbeitsstelle gesteckt.

Verloren, dachte sie mit aufkeimender Verzweiflung. Das alles ist jetzt verloren.

Sie musste hier weg. Jetzt sofort.

Abrupt raffte sie sich auf und lief eilig die Allee hinunter; ihr Auto würde sie später vom Parkplatz holen. Die Bäume spendeten Schatten, ein leichter Wind rauschte durch das Laub. An einer Kreuzung zögerte sie kurz, dann wandte sie sich Richtung Süden. Sie nahm ihren Weg kaum wahr, aber der Fußmarsch tat ihr gut, beruhigte sie.

Der Duft von gebratenem Fisch lag in der Luft und ließ ihren Magen knurren. Doch Emilia ignorierte das Gefühl. Sie presste ihre Tasche an sich und schaute sich um. Menschen liefen plaudernd am Teltowkanal entlang, schlenderten über die Promenade des Tempelhofer Hafens oder gingen ins Einkaufszentrum shoppen. Emilias Blick schweifte über die Jachten, die sacht auf den Wellen schaukelten. Ohne lange zu überlegen, stieg sie zu einem der Stege hinunter und lief an den Schiffen vorbei, weiter zum Hafenbecken. Kein Boot lag am Ende der Anlegestelle, und so konnte sie sich an den Rand setzen.

Dieser Platz war schon früher einer ihrer Zufluchtsorte gewesen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn ewig nicht mehr aufgesucht hatte. Die Arbeit im Krankenhaus hatte sie völlig vereinnahmt, ihr kaum mehr Freizeit gelassen.

„Aber ich hab es ja selbst so gewollt“, sagte sie leise.

Emilia zog die Knie an und schlang die Arme darum. Wind kam auf, kräuselte das Wasser des Kanals. Sie sehnte sich nach Schatten, weil die Nachmittagssonne auf sie niederbrannte, doch etwas in ihr weigerte sich, diesen Platz zu verlassen. Rechts von ihr grollte entfernter Donner, und sie schaute hinauf zu den Wolken. Eine Gewitterfront näherte sich.

Emilia blickte auf die Oberfläche des Kanals. Böen trieben das Wasser vor sich her. Vereinzelte Regentropfen fielen vom Himmel. Dennoch schien die Sonne auf die Hafenpromenade, zu der sich Emilia nun umdrehte. Die meisten Passanten suchten eilig Schutz vor dem heraufziehenden Unwetter.

Ein Blitz zuckte über den Himmel. Emilia zählte im Stillen: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, um abschätzen zu können, wie nah das Gewitter war. Der Donner folgte erst bei sechsundzwanzig, deshalb blieb sie sitzen.

Ihre Gedanken kreisten nur um ein einziges Thema. Ich habe mich aufgeopfert, und sie lassen mich fallen wie eine heiße Kartoffel.

„Emilia?“

Die unerwartete Stimme ließ Emilia zusammenzucken. Sie spürte an einem leichten Beben des Stegs, das sich jemand näherte und wandte sich um. Miriam hatte ebenfalls Feierabend, weil sie wie Emilia Frühschicht gehabt hatte.

„Ich hab mir gedacht, dass ich dich hier finde.“

„Hast du es gewusst?“, fragte Emilia tonlos.

„Nein, Thea hat es mir gerade gesagt.“

„Aber du darfst doch bleiben, oder?“, fragte Emilia besorgt. „Du hast doch einen unbefristeten Vertrag.“

Sie wusste, wie sehr ihre Freundin auf den Job angewiesen war. Ohne das Gehalt würde sie ihre Mietwohnung in Berlin nicht halten können, geschweige denn ihren kleinen Schrebergarten, den sie beide liebten.

„Ich kann zum Glück bleiben. Sonst müsste ich zurück nach Paderborn zu meinen Eltern.“

„Du arbeitest ja auch schon länger in der Klinik.“

„Emilia, es tut mir so leid!“

Der Regen wurde heftiger. Miriam verzog das Gesicht. Sie spannte einen Schirm auf. „Komm, wir holen uns ein Eis, okay?“

Emilia stand auf, und Miriam nahm sie unter ihren Schirm. Das Gewitter grollte nun viel näher. Sie hasteten über den Steg und liefen in das Einkaufszentrum hinein.

Vor ihnen breitete sich die hohe Halle aus, in der sich elegante Geschäfte aneinanderreihten, alles besaß einen sehr edlen Touch.

Miriam schleifte Emilia bis zur Eisdiele Artista und spendierte ihr ein Schokoeis. Sie setzten sich auf die hellen Stühle und genossen schweigend die kühle Erfrischung.

„Kann ich dir irgendwie helfen, Lia?“

Emilia mochte den vertrauten Kosenamen und seufzte leise. „Ich hab keine Ahnung. Das kommt alles so … so plötzlich und … ich muss erst mal einen klaren Kopf bekommen.“

„Wie lange bist du noch da?“

„Bis einschließlich Freitag. Dann beginnt mein Resturlaub. Den hat Thea mir noch bewilligt.“

Emilia musste sich verabschieden. Von den Patienten, den Kollegen, dem Ort an sich …

Ihr kam ein erschreckender Gedanke. „Ich weiß nicht mal, ob ich hier wohnen bleiben kann.“

„Was? Wieso denn? Du hast doch deine kleine Eigentumswohnung.“

„Ja, aber ob ich hier in Berlin so schnell eine unbefristete Stelle finde?“ Miriam wollte protestieren, aber Emilia hielt sie mit einer Geste auf. „Ich weiß, was du sagen willst. Aber will ich wirklich immer wieder das Krankenhaus wechseln? Nie länger an einem Ort arbeiten?“

„Vielleicht …“ Miriam hielt inne und winkte ab. „Ja, verdammt, du hast recht. In den letzten Jahren ist es schwer geworden.“ Sie griff nach Emilias Hand. „Ach, Lia … vielleicht ist das auch ein Neuanfang für dich.“

„Den ich mir nicht ausgesucht habe“, gab sie zurück.

 

*

 

Emilia schloss ihre Wohnung auf und legte den Schlüssel auf die Kommode. Wie gelähmt blieb sie im Flur stehen. Was sollte sie jetzt bloß tun?

Draußen fuhr ein Lastwagen am Haus vorbei. Ihre Fenster besaßen einen guten Schallschutz, jedoch spürte sie das große Fahrzeug, weil der Boden vibrierte und die Gläser in der Vitrine leise klirrten.

Eigentlich waren die Straßen in ihrer Siedlung nicht stark befahren. Erst seitdem unweit von ihr der Asphalt aufgerissen wurde, fuhren die Baufahrzeuge ein und aus. Die Geräusche weckten sie aus ihrer Starre. Sie trat hinaus auf ihren kleinen Balkon, sah hinunter auf die ausgeschachtete Grube und fühlte genauso ein Loch in ihrem Innersten. Langsam ließ sie sich auf den türkisen Klappstuhl sinken.

Emilia beobachtete die sich wiegenden Äste der Esche, die ihr oft Schatten spendete. Der Baulärm verebbte, sie hörte, wie die Bauarbeiter leise diskutierten. Es verschwamm zu einem monotonen Geräusch, das sich mit dem Wind mischte.

Es hieß, wenn sich eine Tür im Leben schloss, öffnete sich immer eine andere …

In diesem Moment konnte Emilia diesen neuen Zugang nicht erkennen. Nervös knetete sie ihre Finger, versuchte, ihrer Gefühle Herr zu werden.

Es ist doch nur ein Job!

Nein. Aus ihr unerfindlichen Gründen fühlte es sich nach viel mehr an. Das aufkommende Schluchzen konnte sie unterdrücken, die Tränen nicht. Sie liefen über ihre Wangen, tropften auf ihr Shirt. Unwirsch fuhr sie sich durch das Gesicht, um die verräterischen Spuren zu beseitigen.

Ihr Smartphone meldete einen Anruf. Wahrscheinlich ihre Mutter. Dumpf hallte der Klingelton durch den Flur, da sich das Telefon noch in der Tasche befand. Emilia ignorierte es. Sie wollte mit niemandem sprechen.

Als die Bauarbeiten wieder einsetzten, stieg Wut in ihr auf.

„Kann man denn keine Minute einfach mal Ruhe haben?“, schimpfte sie leise. Sie ging zurück in die Wohnung, schloss die Balkontür und sperrte jeglichen Lärm aus. Spontan und um weitere Gefühlswallungen zu unterdrücken, holte sie den Honigwein aus dem Kühlschrank, der noch von ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag übrig war.

Mit einem flauen Gefühl im Magen ließ sie sich auf die Couch im Wohnzimmer fallen und nahm einen Schluck von dem süßen Getränk. Ihre Gedanken flatterten wie ein gefangener Vogel hin und her. Plötzlich war sie befreit von all den Überlegungen, die sich hauptsächlich um ihre Patienten drehten. Vielmehr strömte nun alles Mögliche auf sie ein, als wäre der Jobverlust ein Auslöser.

Erneut nippte sie an dem Weinglas und starrte dann die goldene Flüssigkeit darin an.

Was tat sie denn da? Sonst griff sie doch auch nicht zum Alkohol!

Abrupt stellte sie das Glas ab, das mit einem Klirren auf dem Tisch landete.

Emilia raufte sich die Haare. Tief in ihrem Innern hörte sie die Stimme ihres verstorbenen Vaters: Schatz, du bist ein Meister im Verdrängen. Du siehst den kleinsten Kratzer des anderen und willst helfen, ohne zu merken, dass dir eine ganze Hand fehlt.

Wie oft hatte er Ähnliches zu ihr gesagt und ihr anschließend mit einem warmherzigen Lachen einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Wieder ließen sich die Tränen nicht zurückhalten, diesmal ließ Emilia sie einfach fließen.

Früher, da hatte sie doch noch Träume gehabt. Hoffnung hatte sie in so vieler Hinsicht beseelt. Jetzt fühlte sie … nichts. Nur eine ungewisse Furcht. Aber wovor?

Sie erkannte, dass es keine Existenzangst war. Emilia wusste, dass sie zurechtkommen würde und rasch eine neue Stelle in ihrem Bereich bekommen könnte, zumindest befristet. Warum also klopfte ihr Herz so wild? Wieso grub sich ein flaues Gefühl in ihren Magen?

Sie fühlte sich entblößt. Ihr Leben lag in Scherben vor ihr, und sie war nicht fähig, sie aufzusammeln.

Eine erschreckende Erkenntnis überkam sie. Lief sie womöglich schon lange auf diesen Splittern herum, ohne es zu bemerken? Hatte sie alles mit ihrem Job entschuldigt?

Vielleicht hatte Miriam ja recht, und sie brauchte tatsächlich einen Neuanfang.

 

 

 

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© Tanja Bern