Prologstory zu "Im Schatten unserer Liebe"

 

 

Die besondere Hoffnung

 

 

Die Nachmittagssonne warf vereinzelte Strahlen goldenen Lichts auf den kleinen Fluss. Der Schimmer tanzte auf der Wasseroberfläche und ich beobachtete das Naturschauspiel. Der Duft von Getreide lag in der Luft, ließ mich an das frische Brot denken, das daraus gebacken wurde. Ich ließ mich von dem Rauschen des Mühlrads einlullen, wollte vergessen, warum ich mich hier wie ein scheues Tier verbarg. Als ich Stimmen hörte, presste ich mich an die Hauswand. Mein Herz klopfte viel zu rasch und ich schloss kurz die Augen, um mich zu beruhigen. Ich wusste, dass er auf der Suche nach mir war, aber heute würde ich ihm nicht geben, wonach er verlangte. Ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden, obwohl ich Hunger hatte.

„Vor wem versteckst du dich?“

Erschrocken fuhr ich zusammen, prallte gegen die Mauer. Mein Cousin Brian stand mit einem Mehlsack vor mir und beäugte mich kritisch. Er musste an meinem gehetzten Ausdruck erkannt haben, was mich bewegte, denn er runzelte die Stirn, nickte, und brachte den schweren Sack in eine bessere Position auf seiner Schulter. „Ich hab dich nicht gesehen, Jake. Aber verscherz es dir nicht mit ihm.“

Diese Andeutung hätte er sich sparen können. Brian hatte keine Ahnung, was es bedeutete, dies zu tun. „Vielleicht schicke ich George mal zu dir, falls er sich vernachlässigt fühlt.“ Brian lachte spöttisch. „Er steht auf Jungs, nicht auf echte Männer.“

Damit verließ er mich und ging zurück in die Mühle. Ich blieb sprachlos zurück. Nur weil ich längere Haare und eine etwas feingliedrigere Statur hatte, war ich weniger Mann? Ich schleppte die gleichen Säcke wie er!

Aber vielleicht sprach er die Wahrheit. Ich verhielt mich wie eine Hure, damit George uns Arbeit gab. Ich erreichte mit meinem armseligen Tun, dass wir nicht hungern mussten, weil er uns mit Brot versorgte, wenn ich nett zu ihm war. Meine Familie wusste das. „Und ich muss mir dumme Sprüche anhören“, zischte ich.

Ich hörte Georges Stimme, er fragte nach mir. Vorsichtig lugte ich um die Ecke. Sein blondes, kurzes Haar sah verschwitzt aus. Man sah ihm den Wohlstand an. Ich war dagegen dünn wie ein Spargel.

Brian hielt Wort und verriet mich nicht. Da ich nun wusste, wo sich George aufhielt, rannte ich abrupt in die andere Richtung, fort aus Kendal zum Wald. Dort standen unsere Wagen, geschützt in einer Senke. Als ich über den Hügel lief und die ersten Baumreihen erreichte, fühlte ich mich sicher. Mir lag ein Lächeln auf den Lippen. Heute war ich entkommen. Meine Arbeit in der Mühle hatte ich trotzdem erledigt. Den ganzen Nachmittag konnte ich mir jetzt Ausreden überlegen, um George am nächsten Morgen nicht direkt sagen zu müssen, dass ich ihm auswich. Eigentlich war er verheiratet, hatte sogar eine kleine Tochter. Dennoch begehrte er mich. Die Ehe war bisher sowieso nie ein Grund gewesen, wenn es darum ging, mich einmal … zu besitzen. Ich war der, an dem man seine geheimen Sehnsüchte auslebte, um mich danach zurück in den Regen zu stoßen. Mit einigen Münzen in der Hand.

Ich raufte mir das Haar, so sehr, dass es wehtat. Frauen interessierten sich selten für mich. Käme ich mit ihnen zurecht? Ich dachte an Mary, meine Cousine. Wohl eher nicht. Womöglich fühlte ich zu ähnlich? Früher zerbrach ich mir darüber den Kopf, heute nicht mehr.

Da ich besonders Mary nicht allein im Lager antreffen wollte, wich ich auch diesem Ort aus und lief weiter in den dichten Wald hinein. Mir bot sich eine Freiheit, die ich nicht gewohnt war. Was sollte ich nun mit all der freien Zeit anfangen?

Nun, mir fällt schon was ein, dachte ich vergnügt und sog die feuchte Luft ein, die nach Wildblumen und Gras roch.

Meine Schwester hatte mir schon als Kind gezeigt, wie man die Kräuter unterscheidet und so sammelte ich mir einen Salat aus Wildkräutern zusammen, um wenigstens etwas zu essen zu haben. Vor dem Abend würde ich nichts anderes bekommen. Unsere Nahrung war genau aufgeteilt.

Die Sonne sank tiefer, ihr Schein tauchte die Hügel von Westmorland in warme Farbtöne, die mich an unsere Lagerfeuer erinnerten. Fast konnte ich die leisen Glöckchen meiner Schwester hören, die sie an ihren Rock genäht hatte. Die Umgebung wurde in Zwielicht getaucht und ich schloss die Augen, um die Atmosphäre der Dämmerung in mich aufzusaugen. Hier fiel mein Alltagsleben für einen Moment von mir ab. Ich fühlte mich leicht und frei.

Ein Wiehern durchbrach die Stille. Verwundert sah ich mich um. War eines unserer Pferde der provisorischen Koppel entkommen?

Nein. Dort lief ein herrenloser Schimmel umher, gesattelt und aufgezäumt. Er musste seinen Reiter abgeworfen haben. Ich ging auf das Pferd zu, sprach beruhigend auf es ein, aber dieses Biest trabte an, als wolle es mich umrennen. Im letzten Augenblick trat ich zur Seite und fing die Zügel ein. Der Schimmel zog mich ein Stück mit, ich musste neben ihm herrennen, aber dann zog ich das Tier seitwärts in eine Drehbewegung, führte es im Kreis herum. Das Pferd stieg leicht, aber ich ließ die Zügel nicht locker.

Es sah wunderschön aus, mit der langen Mähne und dem schneeweißen Fell. Ein prüfender Blick sagte mir, dass ich hier eine zickige Prinzessin vor mir hatte. Wir schauten uns an, ich erkannte an ihrem Gebaren, dass sie es gewohnt war, ihren Willen zu bekommen.

„Bei mir nicht, Fräulein. Ich reite einen Hengst, der sicher einen Kopf größer ist als du. Der muss sich mir auch fügen.“

Sie versuchte trotz Reithalfter nach mir zu schnappen, was natürlich wegen des Sperrriemens am Maul unmöglich war. Ich gab ihr einen Klaps auf die Nase. Erneut versuchte sie, mir die Zügel zu entwinden, doch da ich sie wieder im Kreis führte, gab sie ihr Tun auf, blieb schnaubend stehen.

„Du magst keine Fremden, was?“

Sie schnupperte interessiert an meiner Kleidung, stellte ihre Ohren auf, was mir sagte, dass die Stute zumindest nicht mehr feindselig war. Wahrscheinlich roch sie Liath, mein eigenes Pferd.

Ein Pfiff hallte durch den Wald. Wir beide horchten auf. An ihrer Reaktion erkannte ich, dass dort ihr Herr rief. Ihrer Kraft hatte ich nun nichts mehr entgegenzusetzen. Sie riss sich los und lief davon. Neugierig folgte ich dem Pferd. Ein junger Mann trat in mein Sichtfeld. Ich verbarg mich rasch, wollte erst einmal nur beobachten. Die Schimmelstute trabte auf ihn zu, parierte kurz vor ihm durch, und fiel dem Fremden fast in die Arme.

„Wie schön, dass du zumindest kommst, um zu sehen, ob ich noch lebe“, murrte er und ließ es sich gefallen, dass sie sich enthusiastisch an seiner Schulter rieb.

Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, nur blondes Haar, das zerzaust in einem Zopf steckte. Seine Kleidung wirkte aufgrund des Sturzes vom Pferd etwas mitgenommen, aber ich sah, dass er einer der Adligen sein musste. Seine Haltung, die Art, wie er sich bewegte, verriet ihn.

Sein Verhalten gegenüber dem Pferd überraschte mich. George oder auch mein Vater hätten das Tier mit der Gerte verprügelt. Er freute sich einfach, dass seine Stute zurückgekommen war. Ich sah, dass das Tier ihn liebte. Die Prinzessin mochte ja frech sein und er ließ ihr vielleicht zu oft ihren Willen, aber sie fügte sich ihm. Er nahm sie nicht einmal am Zügel, sondern gab ihr nur mit einer Geste zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte. Und das tat sie.

Er schlenderte durch die Baumreihen, schien die Abenddämmerung genauso zu genießen wie ich. Ich schlich ihnen nach, verbarg mich jedoch weiterhin.

Dreh dich um, ich will dein Gesicht sehen.

Stattdessen setzte er sich mit einem Seufzen auf einen Felsen, zog sich Schuhe und Strümpfe aus, tauchte seine Füße in einen Bach. Das Pferd tat es ihm nach, lief ein wenig unsicher in das niedrige Gewässer. Sie beobachtete ihren Herrn genau. Als er einen Fuß hob, um eine Alge von seinem Zeh zu entfernen, ahmte sie ihn nach, indem sie den Huf auf und ab senkte, als wolle sie den Bach überprüfen. Wasser spritzte in alle Himmelsrichtungen und der junge Mann schrie heiser auf, erhob sich rasch.

Ich musste mir den Mund zuhalten, um nicht aufzulachen.

Endlich drehte er sich um, sein Gesicht wandte sich mir zu. Ein Ruck ging durch mein Herz, es stolperte regelrecht und schlug dann so heftig weiter, dass ich meine Hand auf die Brust legte. Zum Glück entdeckte er mich nicht.

Es war nicht nur seine Attraktivität, vielmehr der amüsierte Ausdruck in dem fein geschnittenen Antlitz, das Lächeln, das auf seinen Lippen lag. Es rührte mich so sehr, dass ich den Blick kaum von ihm abwenden konnte. Verwirrt zog ich mich hinter den Baum zurück.

Wo mochte er wohl herkommen? Er hatte kein Gepäck dabei, also vermutete ich, dass er aus der Gegend kam.

Die Sonne versank hinter den Hügeln und ich konnte ihn nicht mehr richtig erkennen, bedauerte die Abenddämmerung. Als er auf sein Pferd stieg und davonritt, spürte ich Bedauern. Warum konnte sich nicht so ein Mann für mich interessieren? Warum musste ich an Männer wie George Duncan geraten, die mich für ihre Zwecke benutzten? Zwar beteuerte er oft, dass er etwas für mich empfand, aber dann hätte er doch spüren müssen, dass ich seine Annäherungsversuche nur widerwillig hinnahm. Oder spielte ich meine Rolle zu gut?

Mir schauderte bei dem Gedanken.

Außerdem kannte ich den jungen Mann nicht. Vielleicht war er ein arroganter Snob und ich sah hier nur eine verborgene Seite von ihm, die er geheim hielt. Zu gerne hätte ich dann diese geheime Seite näher kennengelernt. Ich seufzte, knabberte auf meiner Unterlippe herum. Eine wirklich dumme Angewohnheit von mir, die ich nicht sein lassen konnte.

„Jake, du bist ein naiver Dummkopf“, schalt ich mich selbst.

Aber selbst ein Pavee durfte doch träumen, oder nicht? Sie mochten uns Zigeuner und Diebe schimpfen. Viel zu oft vertrieben sie uns von unseren Lagerplätzen. Aber die Träume konnte mir niemand nehmen. Ich hütete sie wie einen kostbaren Schatz. Meine Schwester Noirin bat mich oft, dass ich an unserem Feuer davon erzählte. Von den Geschichten, die ich mir ausdachte, die ich immer weiterspann, um meinem armseligen Leben zu entkommen. Dann hellte sich in unserem Inneren etwas auf, denn wir teilten eine magische Illusion.

Nachdenklich lief ich zurück zu unserem Lager, verbarg mich noch vor meiner Familie, und ging zu den Pferden. Liath hob den Kopf, er erkannte mich schon am Schritt, witterte mich aus der Ferne. Mit einem Schnauben kam er auf mich zu, einige Grashalme lugten noch aus seinem Maul. Ich küsste ihn auf die Nüstern und streichelte ihm über den Hals. In seiner Mähne fühlte ich getrockneten Schlamm.

„Du hast dich gewälzt, hm? Gefällt es dir hier? Mir nicht. Ich habe keine Lust mehr auf Säcke schleppen und Georges Tändeleien.“

„Warum sagst du es ihm nicht?“

Erschrocken fuhr ich herum. Warum schlichen sich heute alle von hinten an? Es war Noirin. Sie lehnte an dem Baumstamm, an dem wir eines der Absperrseile befestigt hatten, um die Pferde auf dem abgetrennten Bereich zu halten.

„Wem? George? Brian hat mir klar gesagt, dass ich mich fügen soll.“

„Warum?“

„Was geschähe, wenn ich mich ihm verweigere?“

„Dann würde der gute George wohl ziemlich schmollen.“

„Und uns zum Teufel jagen … wie alle Anderen.“

„Ach, das glaube ich nicht, Jake. Er mag dich.“

Ich senkte den Blick. George war kein Mann, der sich zum Narren halten ließ. Entweder ich wahrte die Rolle als sein heimlicher Bettgespiele, oder ich sagte ihm die Wahrheit und verschwand aus seinem Leben.

Noirin musste mir meinen Zwiespalt ansehen. „Ich werde mit Vater reden“, sagte sie und wandte sich ab.

Rasch schlüpfte ich unter dem Seil hervor und lief ihr nach, fasste sie am Unterarm, um sie aufzuhalten. „Das wird ihm nicht gefallen, Noirin.“

„Das was du tun musst, sollte ihm noch weniger gefallen.“

Ich ließ sie gehen, blieb in der Kühle des Abends stehen und wagte mich in dieser Nacht nicht ans Feuer. Wie ein gequälter Hund verschanzte ich mich in meinem Pferdewagen und lauschte dem Murmeln meiner Familie. Sie akzeptierten mein Fernbleiben.

 

*

 

Am nächsten Morgen weckte mich das Klirren des Pferdegeschirrs. Verwundert setzte ich mich auf. Es dämmerte zwar schon, aber die Nacht war kaum vorüber. Als ich aus dem Fenster linste, entdeckte mich mein Großvater, den alle nur den alten Jo nannten.

„Komm raus und helf deinem Vater!“, brüllte er mich an.

Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und gehorchte. Vater grüßte mich wortkarg.

„Spannen wir auf?“

„Ja.“

„Wohin fahren wir?“

„Weiter in Richtung Keswick.“

Ob unsere Weiterfahrt wegen mir stattfand, wagte ich nicht zu fragen. Insgeheim war ich dankbar, zumindest in diesem Sommer dem Bäcker zu entkommen. Ich half Brian und Vater die Wagen fertig zu machen, ignorierte Marys sehnsüchtige Blicke und tauschte lieber mit Lissy heimlich Grimassen aus. Die Kleine stand gelangweilt herum und schien nicht zu wissen, was sie tun sollte, was ungewöhnlich für sie war.

Ich winkte sie zu mir. „Hat deine Mutter dir keine Aufgabe gegeben?“ Sanft streichelte ich ihr übers Haar, hob ihr Gesicht an, weil sie schuldbewusst nach unten blickte.

„Sie ist böse auf mich.“

„Warum?“

„Ich war sehr frech zu ihr.“

„Komm, hilf mir bei den Pferden, dann erzähl es mir.“

Wir liefen zu der provisorischen Weide und ich wartete geduldig, bis sie etwas sagte. Die Pferde sahen uns neugierig entgegen, sie spürten die Unruhe. Ich rief Noirins Stute ein Kommando zu. Das Pferd meiner Schwester war das Leittier in unserer kleinen Herde. Wenn Maeve zu mir kam, folgten alle anderen. Liath drängelte sich vor, weil er zuerst bei mir sein wollte, und handelte sich eine ordentliche Rüge von Maeve ein. Selbst er musste sich fügen, obwohl er um einiges größer war. Maeve schnupperte an meiner Hand und ließ sich von mir das Halfter überstreifen. Ich reichte Lissy den Führstrick, um Liath zu begrüßen. Ihn konnte ich so dirigieren, er rebellierte immer ein wenig gegen Maeves Führung, auf mich reagierte er ohne zu zögern. Lissy führte das Pferd von der Weide und schwieg noch immer. Deshalb hielt ich sie auf.

Die Kleine seufzte. „Ich wollte bei dir mitfahren, aber Mama hat es nicht erlaubt.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht.“

„Deshalb warst du frech?“

„Und wie.“

Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und presste die Lippen aufeinander, damit sie es nicht bemerkte. „Ich rede mit ihr. Bring Maeve zu Noirin und pass auf, dass die anderen nicht ausbüxen.“

Liath wollte mir folgen, aber ich hielt ihn mit einer Geste davon ab. „Bleib bei Lissy.“

Fast widerwillig fügte er sich. Ich sah, dass er mich beobachtete, als fürchtete er, ich würde ihn hier an diesem Ort zurücklassen.

„Kommst noch früh genug an den Wagen“, murmelte ich.

Mary sah auf, als ich mich näherte. Sie war einen halben Kopf kleiner als ich. Ihr dunkles Haar war zurückgebunden, hatte sich aber teilweise aus der Frisur gewunden. Sie strich sich eine Strähne nach hinten und richtete ihren Rock.

„Warum darf Lissy nicht bei mir mitfahren?“

Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich. Sie runzelte die Stirn, sah zu ihrer Tochter hinüber. „Ich muss mich nicht rechtfertigen.“

„Das hab ich auch nicht gesagt. Ich frag bloß.“

Ihr Blick streifte kurz über meine Gestalt. „Ich möchte sie einfach bei mir haben. Sie ist sowieso die ganze Zeit bei dir.“

Dem konnte ich nicht widersprechen. Ich nickte, wandte mich ab, um zu gehen, aber sie fasste mich an der Hand. „Bist du mir böse deswegen?“

„Wieso denn? Du hast ja Recht. Ich rede mit Lissy.“

„Danke.“

Am anderen Ende des Lagers ertönte ein wütender Schrei von Lissy. Ich hörte, wie ein Pferd auf mich zutrabte. Noch bevor ich mich umdrehte, wusste ich, wer sich davongestohlen hatte. „Ach, Liath.“

Der Hengst stupste mich an, schnaubte leise und suchte meine Nähe, indem er mit dem Maul meine Taschen abtastete. „Und dafür soll ich dir auch noch eine Belohnung geben, du frecher Kerl?“

Ich liebte dieses Pferd, konnte ihm nie wirklich etwas abschlagen. Ich holte getrocknetes Brot aus meiner Jackentasche, gab es ihm und führte ihn zu meinem Pferdewagen. „Nun komm.“

 

*
 

Kurze Zeit später waren wir abfahrbereit. Lissy hatte sich gefügt und saß neben ihrem Onkel auf der Sitzbank. Brian hielt die Zügel, seine Schwester musste im Wagen sein, ich sah sie nicht. Mary verschanzte sich oft. Vielleicht stahl sich Lissy deshalb so oft zu mir. Sie war fast sieben Jahre alt und wollte Abenteuer erleben, nicht im Pferdewagen herumhocken.

Ich ließ Vater vorfahren und schnalzte kurz mit der Zunge. Liath schüttelte den Kopf, durch den Wagen ging ein Ruck und er fuhr an. Einige meiner Habseligkeiten klapperten leise, als wir über die unebene Fläche zum Weg fuhren.

Der Morgennebel wich noch nicht, in weißen Schleiern wand er sich um die Stämme der Laubbäume, versperrte die Sicht auf die weiten Flächen, die man durch einige lichte Stellen im Wald sehen konnte. Diese Gegend um Keswick kam mir immer besonders vor, wildromantisch und voller Geheimnisse. Ich freute mich, dass wir dieses Jahr von Kendal Abstand hielten. Mich plagte zwar das schlechte Gewissen und ich wagte noch immer nicht zu fragen, was Vater George gesagt hatte, aber ich verdrängte das Gefühl.

Vater legte ein ordentliches Tempo vor, bis auf unsere Begrüßung am Morgen schwieg er sich aus, aber das musste nicht heißen, dass er mir grollte. Vater brauchte diese Ruhezeiten, in denen er nachdachte, jeden von sich fernhielt. Ich fürchtete, dass er sich um uns sorgte. Bei George wären wir gut durch den Sommer gekommen. Er bezahlte uns zwar einen Hungerlohn für die Arbeit in der Mühle und in der Bäckerei, aber wir bekamen oft umsonst Brot. Je nachdem wie nett ich zu ihm war, dachte ich mit einem unguten Gefühl.

Was erwartete uns in Keswick? Gab es dort Menschen, die uns auf ihrem Land tolerieren würden? 

Unsere Pferdewagen ratterten den ganzen Morgen über die geschotterte Straße. Irgendwann führte Vater uns vom Weg ab und gab nach einiger Zeit das Zeichen zum Halten. Liath reagierte schneller als ich und blieb stehen, schaute sehnsüchtig zu den saftigen Grasflächen, an die sich ein Fluss schmiegte. Überrascht sah ich auf die geschützte Stelle, die von einigen Tannen umrahmt war. Wildblumen wuchsen am Ufer, es roch nach Kräutern. Dieser Ort strahlte einen besonderen Frieden aus.

Mein Herz tat einen Sprung, mich überkam das seltsame Gefühl, zu Hause zu sein. Vater beugte sich vor, drehte sich um und lächelte mir zu. Also fühlte er es auch. Ich nickte und wir lenkten unsere Pferde auf die Lichtung.

Ich sprang von der Sitzbank des Wagens und befreite Liath von dem Geschirr. Im Augenwinkel sah ich, dass es mir meine Familie nachtat. Ich spürte meine Schwester, noch bevor sie mich ansprach.

„Dies ist ein wunderschöner Ort, der uns Glück bringen kann, Jake.“

Ich drehte mich zu ihr um. Der Wind erfasste ihre Kleidung, ließ die Glöckchen an ihrem Rock leise erklingen. Sie schloss die Augen, genoss die sanfte Brise.

„Das ist auch mein Gefühl.“

„Dann schlagen wir das Lager auf?“ Sie fragte mich, nicht Vater, was mich kurz verwunderte. Es zeigte mir aber auch, dass sie sich sehr wohl bewusst war, dass ich nach Vater das Sagen hatte. Nicht Brian, obwohl er älter und kräftiger war.

Noirin kannte mich viel zu gut. Sie las fast jeden Gedanken aus meinen Gesichtszügen. „Du verstehst viel besser, wie man Menschen führt.“ Ihre Stimme flüsterte nur, selbst ich konnte sie kaum verstehen.

Ihre Worte ließen mich sprachlos sein.

„Du triffst Entscheidungen, mehr als jeder Andere hier.“

Ich verstand nicht.

„Jake …“ Ihre Hand strich mir über die Wange. „Du hast dich immer wieder erniedrigt, um uns zu helfen. Ohne dich ginge es uns nicht so gut, wir würden hungern. Vater weiß das sehr wohl.“

Mir war nicht bewusst gewesen, dass sie es so sah. Ich konnte nicht einmal sicher sein, dass Vater ihre Meinung wirklich teilte. Doch das kam mir unwichtig vor. Sie versicherte mir gerade, dass ich trotz allem würdig war, zu dieser Familie zu gehören, zu den O’Malleys.

Sie ließ mich mit einem Lächeln zurück. Ich half Vater, unsere Habseligkeiten auszuladen und das Lager aufzuschlagen. Als ich ein Pferd hörte, blickte ich alarmiert auf. Ich traute meinen Augen kaum. Dort ritt der junge Mann aus dem Wald heran. Seine Schimmelstute wirkte so unbeherrscht wie schon gestern, er konnte das Pferd kaum bändigen. Meine Leute versuchten den Fremden zu ignorieren, sie waren stets bestrebt unauffällig und ungefährlich zu wirken. Meist überließ man es mir, mit Fremden zu reden, Vater sagte, ich wäre am diplomatischsten.

Noch sah mich der Neuankömmling nicht, also konnte ich ihn schamlos beobachten. Er wirkte unsicher, schien die Situation nicht einschätzen zu können. Er kämpfte darum, das Pferd ruhig zu halten.

„Was soll das hier werden?“, brachte er hervor. Wahrscheinlich sollte es streng klingen, auf mich wirkte es eher, als ob ihm nichts Besseres einfiel.

„Wir lagern hier“, antwortete Vater ruhig, ohne aufzusehen. Ich sah ihm seine Unruhe an. Er fürchtete, vertrieben zu werden.

Ich war eigentlich ziemlich sicher, dass hier die Chance unseres Lebens stand, vorausgesetzt ich schätzte ihn richtig ein. Er weckte diese besondere Hoffnung in mir.

Nun ergriff er wieder das Wort. „Das ist nicht zu übersehen. Und wer hat euch das erlaubt? Ihr seid auf dem Land meines Vaters.“

Nun verunsicherte er mich. Diese drei Sätze wirkten keineswegs mehr zögerlich. Er hatte sich gefangen und spielte seine Rolle. Ich musste etwas tun! Sein Pferd witterte mich, sie musste mich erkennen, denn ich sah, wie sich ihre Nüstern blähten, als nähme sie meinen Geruch auf. Ich trat ins Sonnenlicht und ging auf sie zu. Sanft strich ich der Stute über die Nüstern, flüsterte ihr einige gälische Worte zu. Sie schien mich zu mögen, oder sie war zu abgelenkt, denn sie hörte auf, herumzutänzeln und beruhigte sich endlich.

Ich sah auf, direkt in seine blaugrauen Augen, fragte mich, ob sich sein Haar so weich anfühlen würde, wie es auf mich den Eindruck erweckte. Es war blond und leicht gewellt, zum Glück nicht gepudert. Etwas blitzte in seinem Blick auf, als er mich anschaute. Seine Reaktion überraschte mich. Ich rechnete nicht damit, dass mein Auftauchen ihn derart sprachlos machte. Er wirkte regelrecht erschrocken. Die Stute reagierte auf die Gefühle ihres Herrn, ich sah ihr an, dass ihre neu gewonnene Ruhe verflog.

„So nervös?“, sagte ich zu dem Pferd, auch um zu verbergen, dass ich ähnlich fühlte.

Ihr Reiter starrte mich an, schien sich nicht abwenden zu können. Mir huschte ein Lächeln übers Gesicht. In diesem Moment fühlte ich mich, als ob nur wir beide und sein Pferd existierten. Eine sonderbare Empfindung. Ich schüttelte den Kopf, wusste plötzlich nicht, was ich ihm sagen könnte, also wandte ich mich ab.

„Bleib stehen!“, brachte er heiser hervor.

Ich konnte mich dem Ruf nicht widersetzen. Mein Trotz kam dennoch mit Macht hervor. Ohne mich umzudrehen, sagte ich zu ihm: „Hier ist kein Platz für Befehle. Wir sind keine Eurer Dienstboten.“ Vater schaute mich aufgrund meiner Frechheit entsetzt an. Noirin runzelte die Stirn. Ich flüchtete zu meinem Wagen, verstand nicht, wo sich meine Redekunst verborgen hatte.

Mit Herzklopfen wartete ich. Bitte jag uns nicht fort …

Niemand sprach, aber ich hörte, wie ein Pferd davongaloppierte. Erleichtert atmete ich auf.

„Jake, was sollte das denn?“, rügte mich mein Vater.

Er war es gewohnt, dass ich Fremde umgarnte.

„Ich weiß nicht, er … verunsicherte mich.“ Natürlich verschwieg ich, dass ich ihn schon gestern heimlich beobachtet hatte.

„Kommen wir vom Regen in die Traufe?“, fragte er mit besorgter Stimme.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. „Nein.“

„Bist du sicher? Er hat dich angesehen, wie …“

Mit einer Geste hielt ich ihn auf. Dies sollte er nicht aussprechen, denn der Fremde kam mir gänzlich anders als George vor. Oder gefiel er mir einfach nur? Zumindest wäre das ein Fortschritt. „Warten wir ab, was passiert, Vater.“

Er grummelte etwas, das ich nicht verstehen konnte, und ging davon.

Wir lagerten also auf dem Land seines Vaters, aber ich kannte noch immer nicht seinen Namen. Wie würde ich weiter verfahren? Sollte ich ihm hinterherreiten? Nein, das erschien mir keine gute Idee zu sein. Instinktiv wusste ich, dass er zurückkam. Ein Impuls sagte mir das und ich hielt daran fest. In mir stieg ein Gefühl auf, das mich versonnen lächeln ließ. Noirin runzelte erneut die Stirn. Sie schwieg, beobachtete mich argwöhnisch. Ich hingegen schwelgte in Überlegungen, was aus dieser Begegnung erwachsen könnte. Während ich das Lager weiter mit aufbaute, gab ich mich meiner Erinnerung hin. Ich sah ihn wieder an dem kleinen Bach seine Füße ins Wasser tauchen, dachte an den verschmitzten Ausdruck, als das Pferd ihn nass gespritzt hatte. Meine Arbeit erledigte ich wie in Trance. Ich spürte, dass meine Familie mich verwundert beäugte, aber ich ignorierte es. Meine Gedanken gehörten mir allein.

 

*

 

In dieser Nacht träumte ich von ihm. Erneut begegnete ich ihm im Wald, aber dieses Mal zeigte ich mich. Im Traum bedauerte ich, dass sein Gesicht leicht unscharf blieb, als trenne uns eine hauchdünne Barriere. Trotzdem fesselte er mich mit seinem graublauen Blick. Ich konnte mich nicht bewegen, sah ihm entgegen und ergab mich dem Gefühl, ihm ausgeliefert zu sein. Was würde er tun? Selbst im Schlaf spürte ich, wie mein Herz schneller schlug. Unerwartet zerriss der Schleier zwischen uns und er war mir ganz nah, umfasste meine Oberarme mit beiden Händen. Bei George Duncan hätte ich nun Fluchtgedanken gehegt, Widerwillen, Furcht verspürt. Doch er schaute mich mit einem völlig anderen Ausdruck an, der mich schier überwältigte. In seinen Augen stand pure Sehnsucht. Das erste Mal in meinem Leben spürte ich wahres Verlangen nach jemandem. Es brach wie ein Gewitter über mich herein. Ich hob das Gesicht an, wollte meine Lippen auf seine legen …

 

Ich erwachte von einem Ruck, der durch den Pferdewagen ging. „Wach auf, Schlafmütze!“

Vater hämmerte gegen mein Zuhause und ich seufzte schwer. Die Erinnerung an den schönen Fremden ließ mich verwirrt zurück. Noch konnte ich mich nicht davon lösen. Was geschah hier an diesem Ort? Ich kannte ihn nicht, er war ein Fremder. Mir kam es so vor, als ob ein geheimer Zauber, Macht über mich erlangte. Noirin würde sagen, die Feen strecken ihre Finger nach mir aus. Dabei streckte ich meine Hände nach etwas aus, das unerreichbar für jemanden wie mich war.

Als ich verschlafen aus dem Wagen stieg, hielt meine Schwester mich auf. „Ich habe dir die Runen gelegt.“

Das verhieß oft nichts Gutes. Sie hielt mir einen der Steine vor die Nase. Ich identifizierte das Zeichen, griff danach und starrte auf die eingeritzte Rune.

Vielleicht doch nicht unerreichbar …

 

 

 

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