Ein verschollenes Tagebuch, eine Reise nach Irland
und das Geheimnis der wahren Liebe
 
Pennsylvania, 2016: Casey Walsh lebt in einer amerikanischen Kleinstadt. Sie hat irische Vorfahren und träumt seit frühester Jugend von Irland. Eines Tages erzählt ihr Großvater vom Tagebuch der Auswanderin Aeryn. Casey ist fasziniert von den Aufzeichnungen, und die Sehnsucht nach der grünen Insel wird immer stärker. Als sie im Café, in dem sie arbeitet, den charmanten Iren Brayden kennenlernt, bietet er an, Reiseführer zu spielen. Casey beschließt, der Geschichte der Tagebuchschreiberin auf den Grund zu gehen und macht sich auf den Weg nach Killarney. Doch im wunderschönen Irland findet sie so viel mehr, und die Reise in das Land ihrer Vorfahren wird eine Reise zu sich selbst ...
 
Killarney, Irland, 1846: Auf einem Frühlingsfest lernt die junge Aeryn O’Mara den attraktiven Padraig kennen und verliebt sich in ihn. Sie ahnt nicht, dass er der Erbe von Tarlington Manor ist. Padraig besteht darauf, ihre Liebe zu verheimlichen, wenngleich er dafür sorgt, dass sie und ihre Familie während der Hungersnot mit Essen versorgt werden. Aeryn möchte ihm so gern vertrauen. Aber Padraig steht vor einer schwierigen Entscheidung: Wird er seine Geliebte vor sein Erbe stellen?
 

 

 

Die Töchter von Tarlington Manor

Genre: Romance
Verlag: Bastei Lübbe

 

erhältlich als eBook und Hörbuch in allen Online Shops 

 

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Thalia

 

 

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Leseprobe

 

 

- 1 -

 

Pennsylvania, USA, 2016

Casey berührte mit der Fingerspitze das beschlagene Fenster und zeichnete eine schlichte Triskele in die Feuchtigkeit. Sie hing ihren Gedanken nach, dachte an den seltsamen Mann aus der Coffee Bar, der jeden Tag einen Kaffee bestellte und nur daran nippte, um ihn dann stehen zu lassen.

Der Bus fuhr aus dem Schatten einer Häuserwand, und das Tageslicht blendete Casey kurz. Um nach draußen sehen zu können, wischte sie den Beschlag von der Scheibe und betrachtete die Wohnhäuser, an denen sie nun vorbeikam. Ein hohes Gebäude, das ein großer Firmenkonzern unlängst hochgezogen hatte, wirkte wie ein Schandfleck in der idyllischen Kleinstadt.

Es regnete Bindfäden. Casey seufzte leise und zog sich vorsichtshalber die Kapuze über, weil ihre Haltestelle nahte. Das Fahrzeug kam mit einem quietschenden Geräusch zum Stehen. Nur zwei weitere Leute stiegen mit ihr aus, es war erst kurz vor acht. Sie ging zügig über den überdachten Platz, an dem Zwielicht herrschte. Meist strebte sie rasch aus dem Busbahnhof, aber an diesem Tag erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Ein Zeitschriftenhändler schob gerade seine Verkaufsstände vor den Laden. Auf einer Zeitung prangte eine typisch irische Landschaft. Casey konnte nicht daran vorbeigehen und trat näher.

Es war ein Irland-Magazin mit Reiseberichten, Fotos und einigen Interviews mit irischen Prominenten. Nervös schaute Casey auf die Uhr, sie konnte sich nicht lange hier aufhalten. Zum Stöbern war keine Zeit. Sie würde die Zeitschrift entweder direkt kaufen oder darauf verzichten müssen. Kurzerhand nahm sie ein Exemplar aus dem Ständer und ging in den kleinen Laden. Der ältere Mann begrüßte sie freundlich. Als sie bezahlte, strich Casey ihr langes Haar hinter das Ohr, damit ihr die dunklen Strähnen nicht vors Gesicht fielen.

„Sagen Sie mir mal, ob die Zeitschrift was taugt“, rief der Verkäufer ihr nach, als sie schon fast wieder draußen war. Sie wandte sich noch einmal um. „Ist neu“, sagte der Mann. „Ich hab noch nicht reingeschaut“, fuhr er fort. „Sie kommen jeden Tag hier vorbei, oder?“

„Ja, fast“, antwortete Casey. „Es ist mein Weg zur Arbeit. Vielleicht kann ich Ihnen heute Nachmittag schon was dazu sagen.“

Damit das Magazin nicht nass wurde, steckte sie es in ihre große Handtasche und rannte die Stufen hinauf. Sie eilte durch eine enge Gasse, um den Weg abzukürzen. Unvermittelt glitt sie auf glatten Pflastersteinen aus und taumelte. Mit einem gezischten Fluch hielt sie sich am Lichtmast einer Straßenlaterne fest, um sich aufzufangen. Casey seufzte und zog sich die Kapuze tief in die Stirn, weil es von jedem Vordach tropfte.

Um drei Minuten nach acht kam sie in der Coffee Bar an. Ihr Chef musste sich noch in den hinteren Räumlichkeiten aufhalten, denn noch war niemand zu sehen. Erleichtert hängte sie ihre Jacke an die Garderobe, trat hinter den Tresen. Rasch bereitete sie die Kaffeemaschine vor und stellte schon mal für den ersten Ansturm die Tassen bereit. Das Café lag sehr günstig, viele Leute schauten vor der Arbeit hier vorbei und tranken noch einen Kaffee. Der Duft der frisch gerösteten Bohnen hüllte Casey ein.

Sie hörte Schritte und wandte sich zu Roger Drain um, der diesen Laden führte. Sie hatte großen Respekt vor dem wortkargen Mann.

„Da bist du ja, gut. Wir müssen heute ohne Nick auskommen, er hat sich krankgemeldet.“

Der Jugendliche war ihre Aushilfe, aber leider sehr unzuverlässig.

„Okay, danke, dann weiß ich Bescheid. Ich habe die Kaffeemaschine schon …“

Roger winkte ab, für Belanglosigkeiten hatte er keine Zeit. Casey presste die Lippen aufeinander. Er schien nicht gerade guter Laune zu sein.

Die Türglocke bimmelte, und eine Frau kam herein. Casey lächelte ihr freundlich zu und goss ihr normalen Kaffee ein. Diese Kundin kam jeden Morgen, sprach nie viel, wollte nur in Ruhe ihren Kaffee trinken und die Zeitung lesen. Sie nickte Casey dankbar zu, reichte ihr das Geld, und verzog sich ans andere Ende des Tresens.

Dann begann der Ansturm. Gleich fünf Studenten, die Casey bereits kannte, beschlagnahmten den Tresen, wollten Latte macchiato, Cappuccino und Sandwiches. Sie bereitete alles so rasch zu, wie sie konnte, hörte aber wie üblich das Murren, weil es ihnen nicht schnell genug ging. Casey ignorierte das und sah im Augenwinkel den Mann, an den sie in der Bahn gedacht hatte. Mit großen Augen schaute er sie an, versuchte ein Lächeln. Sie deutete an, dass es noch einen Moment dauern würde, bis sie ihm seinen Kaffee servieren konnte.

Roger kam hinzu und half ihr bei der Studentenbestellung. Seine Miene war kalt und abweisend, obwohl er sich zu einem beständigen Lächeln zwang, das mehr als unecht wirkte und nur seinen Kunden galt.

„Alles in Ordnung mit Ihnen, Roger?“, fragte sie im Flüsterton.

Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, Casey hielt sich zurück mit weiteren Fragen. Sie goss dem neuen Kunden eine halbe Tasse Kaffee ein – sie wusste ja, dass er ihn ohnehin stehen lassen würde.

„Seit wann machen wir die Tassen nicht voll?“, zischte ihr Roger zu.

„Sie wissen doch, er nippt immer nur dran“, wisperte sie zurück.

Die Geräuschkulisse kam Casey wie ein beständiges Rauschen vor. Sie musste sich anstrengen, um ihren Chef zu verstehen, da er die Stimme weiter dämpfte.

„Er bezahlt für eine volle Tasse, also kriegt er auch eine. Es ist völlig egal, ob er den Kaffee austrinkt oder nicht.“

„Okay. Entschuldigung.“

Rasch goss Casey dem Kunden nach und lächelte ihn an. Der Mann hatte hellblaue Augen, wirkte sehr jugendlich, aber sie sah die feinen Fältchen um seine Augen. Er sprach nur sehr wenig und sah aus, als wäre er in seiner eigenen Welt versunken.

Roger verschwand wieder nach hinten und ließ sie allein mit dem morgendlichen Chaos. Gegen halb zehn flaute der Kundenansturm endlich ab. Nun würden die Leute nur noch nach und nach eintrudeln. Erst am Nachmittag kämen wieder mehr Menschen.

Ihr Chef blieb im Büro. Eine brünette junge Frau saß an einem der Tische und tippte etwas in ihr Netbook. Ihren Kaffee schien sie völlig vergessen zu haben. Casey wischte über die Theke und holte dann heimlich die Irland-Zeitschrift hervor. Mit leiser Sehnsucht betrachtete sie das Bild auf der Titelseite. Dieses Land faszinierte sie schon seit Jahren, sie fühlte sich nahezu magisch davon angezogen, aber bisher hatte ihr entweder das Geld gefehlt, oder sie hatte keinen Urlaub bekommen, um dort hinzureisen. Doch das waren nicht die wahren Gründe. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass sie Angst davor hatte. Sie traute sich nicht, allein in ein fremdes Land zu reisen. Zudem hatte sie mittlerweile eine ziemlich romantische Vorstellung von der Grünen Insel und fürchtete, dass die Realität völlig anders sein würde.

„Kann man hier nur Kaffee oder auch Zeitschriften kaufen?“, hörte sie eine angenehme dunkle Stimme.

Sie schreckte auf und sah sich einem jungen Mann gegenüber. Rasch verbarg sie das Magazin unter dem Tresen. „Es tut mir leid, ich war in Gedanken versunken.“

Er lächelte charmant, und in seinen hellbraunen Augen erschien ein amüsiertes Funkeln. „Was ist es? Mode? Klatsch und Tratsch? Oder was Seriöses? Ich konnte es nicht erkennen.“

„Nur ein Magazin. Was darf ich Ihnen bringen?“

„Ich hätte gern einen richtig starken Kaffee, der mich endlich wach werden lässt. Ich hab einen Jetlag.“

Casey wollte nicht neugierig sein und nachfragen, woher er kam, deshalb lächelte sie nur und brühte für ihn neuen Kaffee auf, der ihn hoffentlich auf Touren bringen würde. Sein Akzent war interessant. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er sie beobachtete. Er setzte sich auf einen der Barhocker und holte sein Smartphone hervor.

„Ihr habt hier nicht zufällig kostenloses Internet? Dann könnte ich meiner Familie rasch Bescheid sagen, dass ich gut angekommen bin. Das Telefonnetz in unserer Gegend ist sehr unzuverlässig.“

„Doch, sicher, unsere Kunden dürfen das nutzen.“ Sie schob ihm einen Zettel mit dem Passwort zu.

Er bedankte sich und vertiefte sich kurz in seine Handywelt. Casey stellte ihm den Kaffee hin, und er griff automatisch danach. Überrascht sah er auf.

„Das Mädchen kann tatsächlich Kaffee kochen!“

„Ich arbeite in einer Coffee Bar“, bemerkte Casey belustigt.

„Das muss nichts heißen. Ich habe da schon Schreckliches erlebt. Aber dieses wunderbare Gebräu würde vielleicht sogar meine Tante wieder zum Leben erwecken.“ Er schloss genießerisch die Augen, als er einen weiteren Schluck nahm.

„Möchten Sie auch etwas essen?“

„Ach nein, vielen Dank. Verraten Sie mir jetzt, was Sie gelesen haben?“

„Sie sind neugierig.“

„Das liegt mir im Blut.“

Casey huschte ein Lächeln übers Gesicht. „Ein Magazin über Irland.“

Er verzog keine Miene, wuschelte sich nur durch das schon zerzauste Haar, das sie von der Farbe her an Haselnüsse erinnerte. Wieder trat dieses Blitzen in seine Augen. „Sie informiert sich also über Irland“, murmelte er wie zu sich selbst. „Wie passend, dass ich genau da herkomme.“

„Aus Irland?“ Casey wurde misstrauisch. Konnte es solche Zufälle geben?

Spontan reichte er ihr die Hand. „Ich bin Brayden Doyle, frisch aus Cork eingeflogen.“

Casey zögerte zuerst, ergriff dann die angebotene Rechte. „Casey Walsh.“

Seine Hand fühlte sich warm an und ein bisschen rau. Caseys Herz begann, schneller zu pochen, als er sie ein Stück zu sich heranzog, sodass sie sich über den Tresen lehnen musste.

„Und jetzt verraten Sie mir, warum ein Mädchen aus Pennsylvania an Irland interessiert ist.“

Er musste ihre Unsicherheit bemerken, denn er ließ sie los. Sein offenes Lächeln berührte sie. Für einen Moment sah sie ihn an einer irischen Küste stehen. Casey unterbrach den Blickkontakt und knabberte an ihrer Unterlippe.

„Ich meine“, fuhr er fort, „die Landschaft hier ist wunderschön. Aber ich habe das Leuchten in Ihren Augen gesehen, als sie in dem Magazin geblättert haben.“

„Meine Vorfahren sind irischer Abstammung“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln.

„Tatsächlich? Ich dachte immer, in dieser Gegend leben viele Deutschstämmige.“

„Das ist richtig. Meine Großmutter hatte auch deutsche Wurzeln, aber Grandpa ist irischer Abstammung.“

„Eine sehr interessante Mischung.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und ließ Casey nicht aus den Augen.

Um nicht tatenlos herumzustehen, fing Casey an, die Kaffeemaschine zu säubern. Es herrschte eine angenehme Stille. Nur das leise Klackern der Netbook-Tastatur der jungen Frau war zu hören. Casey sah kurz zu ihr hinüber. Völlig in sich versunken schrieb sie etwas in ihren Computer. Caseys Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Brayden. Er hatte den Kopf auf die Hände gestützt und saß mit geschlossenen Augen da.

Er ist wirklich müde, dachte Casey. „Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee?“

Brayden blinzelte sie an. „Ja, kann nicht schaden.“

Sie goss ihm erneut ein, und er reichte ihr das Geld. Da sie annahm, er wolle nun seine Ruhe, fuhr sie mit ihrer Arbeit fort, bevor Roger sie beim Nichtstun erwischte. Dabei sah sie immer wieder durch Glastür hinaus auf die Straße, beobachtete die Passanten, die vorbeigingen. Sie schützten sich mit Schirmen vor dem Regen, oder stellten sich bei der großen Buche unter, deren Zweige wie ein Baldachin die Hausfassade schützten. Brayden folgte ihrem Blick.

„Dieser Baum vor dem Café hat mich überrascht. Hier mitten in der Stadt habe ich so was nicht erwartet.“ Er wandte sich wieder Casey zu.

Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Das ist Penny, unsere Buche. Die halbe Stadt hat damals dagegen protestiert, als sie gefällt werden sollte, weil das Wurzelwerk der Straße schadet. Das stimmt zwar, aber Penny ist uns wichtiger. Mittlerweile ist sie hier so was wie ein Wahrzeichen.“

Er betrachtete sie mit einem Ausdruck, den Casey nicht einordnen konnte. „Diese Stadt gefällt mir.“

Zu ihrer Enttäuschung erhob er sich, griff nach seiner Jacke. Er musste ihr die spontane Gefühlsregung ansehen.

„Seien Sie nicht traurig, Cailín. Ich weiß ja jetzt, wo Sie arbeiten, und ich kann gern wiederkommen.“

„Sie sind ganz schön frech“, sagte sie gespielt streng.

„Und charmant“, konterte er.

Casey gluckste amüsiert, gab ihm aber insgeheim recht. „Was bedeutet Cailín?“, rief sie ihm hinterher, als er schon an der Tür stand.

Brayden drehte sich um. Er zwinkerte ihr nur zu und verließ das Café. Als sich die Tür mit einem leisen Klingeln schloss, kam ihr die Coffee Bar ein bisschen kälter vor. In der Gegenwart dieses Iren hatte sie sich wohlgefühlt. Nun sah sie wie Brayden seine Hand auf die Rinde der Buche legte und zu ihrer Krone aufsah, als begrüße er Penny.

„Er hat einfach Mädchen zu Ihnen gesagt“, unterbrach die Frau mit dem Netbook ihre Gedanken. Verdutzt bemerkte Casey, dass auch diese Fremde bereits im Aufbruch war. Die Brünette zuckte mit den Schultern und grinste sie an. „Ich hab im Internet nachgesehen.“

„Dann war es gälisch?“

„Davon gehe ich aus. Einen schönen Tag noch.“

„Danke, Ihnen auch.“

Casey atmete tief durch. Draußen lungerte eine schmale Gestalt herum. Zuerst hoffte sie, es wäre Brayden, aber der war größer. Wie ein Schatten verschwand die Gestalt hinter einer Häuserecke. Sie sah auf die Uhr. Es war noch nicht Nachmittag, ein Kundenansturm war noch nicht zu erwarten, auch wegen des schlechten Wetters. Sie ging nach hinten zu Roger, der im Büro geschäftlichen Papierkram erledigte.

„Kann ich Ihnen was abnehmen, Roger?“

„Nein, kümmere dich ums Geschirr. Damit hilfst du mir mehr“, brummte er und sah nicht einmal auf.

Casey ärgerte sich immer, wenn er sie auf diese Arbeiten reduzierte und er ihr nicht einmal normalen Briefverkehr zutraute. Aber da sie seine Launenhaftigkeit kannte, schwieg sie und ging zurück in den vorderen Bereich, wo sie die Geschirrspülmaschine anstellte und die Tassen nach Größe sortierte. Heimlich aß sie zwischendurch ein mitgebrachtes Sandwich und sah wieder durch die Glastür nach draußen.

Das Wetter klarte auf. Erste Sonnenstrahlen fielen auf den Bürgersteig und verliehen ihm eine glitzernde Oberfläche. Wieder erspähte Casey eine Gestalt, die sich hinter der Buche verbarg. Casey war so sehr darauf konzentriert, dass sie vor der Türglocke erschrak, obwohl deren Ton sehr dezent war. Zu ihrer Überraschung trat Nick ein. Er sah sich um, als erwarte er einen Angriff, kam dann zum Tresen.

„Bitte sag Roger nicht, dass ich hier bin“, bat Nick im Flüsterton.

„Ich dachte, du wärst krank“, erwiderte Casey vorwurfsvoll.

Der Jugendliche wirkte gehetzt. „Glaub mir, wenn ich das hier nicht erledige, bin ich krank. Sozusagen krankenhausreif.“

Sie runzelte die Stirn. „Was hast du wieder angestellt?“

Nick überging die Frage. „Ich brauch nur Geld“, murmelte er.

„Das ist nichts Neues“, zischte sie.

„Kann ich mir hier kurz verstecken?“ In seinem Blick flackerte Angst.

Schritte näherten sich von hinten aus dem Büroraum. Nick hetzte zu den Toiletten und verschwand dort. Roger kam nach vorn.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, sicher.“ Caseys Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Sie konnte nicht einschätzen, wie Roger auf eine solche Situation reagieren würde. So wie es aussah, hatte Nick da mehr Erfahrung.

„Ich habe Geflüster gehört.“

„Ja, Nick war kurz hier und hat etwas abgegeben ... für mich ... was Persönliches“, stotterte sie und schluckte. „Er ist wirklich schlimm erkältet.“

Roger zog skeptisch die Augenbrauen zusammen, nahm diese Information aber hin. Casey fühlte sich furchtbar bei dieser Lüge, aber sie mochte Nick. Er erinnerte sie an ihren jüngeren Bruder Justin. Sie seufzte leise.

„Roger, könntest du kurz vorn bleiben? Ich müsste mal zur Toilette.“

Er brummte etwas Unverständliches, entließ sie aber mit einem kurzen Wink. Sie eilte zu den Waschräumen und fand Nick im Herren-WC. Er stand fluchtbereit am Fenster. Rasch schlüpfte sie zu ihm hinein.

„Was ist passiert?“, fragte sie gedämpft.

Nick wand sich sichtlich. „Ich hab Geld verzockt.“

„Und jetzt?“

„Na, jetzt wollen die ihre Kohle haben.“

„Und die hast du nicht.“

Er schüttelte den Kopf.

„Nick, du weißt, dass ich selbst am Limit lebe. Und wenn ich … würde Roger rauskriegen …“

„Nein, das sollst du doch nicht! Lass mich nur ein bisschen hierbleiben und verrat mich nicht, okay?“

„Man könnte meinen, du steckst mit Justin unter einer Decke, um mich auf Trapp zu halten“, murmelte Casey. Sie berührte Nick kurz am Arm, um anzudeuten, dass sie nichts sagen würde.

„Ich kletter dann später aus dem Fenster.“ Er schaute sie mit seinen so unschuldig wirkenden Rehaugen eindringlich an. „Und ich regele das, versprochen.“

Als sie schon an der Tür war, hielt er sie noch einmal zurück. „Casey, sei vorsichtig, wenn du nachher nach Hause gehst. Der Kaffeenipper treibt sich schon wieder hier rum.“

„Der … Kaffeenipper?“

„Na, du weißt schon.“

Sie wusste genau, wen Nick meinte. Aber ihr war bisher nicht aufgefallen, dass sich dieser stille Mann nach seinem täglichen Besuch die Zeit in der Nähe des Cafés vertrieb. Ein Schauder überlief sie, denn Nicks Worte hatten eine gewisse Gefahr aufblitzen lassen, die sie unterschwellig schon länger fühlte, aber nicht wahrhaben wollte. Casey ging zurück zum Verkaufstresen und beobachtete den Außenbereich. Vor dem Café hielt sich niemand mehr auf. Sie löste Roger ab, der sich erneut seiner Büroarbeit widmete.

In den nächsten Stunden verkaufte sie wie immer verschiedene Kaffeezubereitungen und Gebäck, das sie von einer Bäckerei geliefert bekamen. Der Trubel und die Gespräche mit den Gästen lenkten Casey rasch von Nick und seiner unheilschwangeren Andeutung ab. Erst als sie gegen Abend ihre Jacke anzog und an den Türgriff fasste, spürte sie einen Stich der Angst, der ihr tief in den Magen fuhr. Kurz verkrampften sich ihre Finger um das Metall, dann schüttelte sie die aufsteigende Furcht ab und lief hinaus.

Casey schaute hinauf in das Laubwerk der alten Buche und lächelte, als die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch die golden gefärbten Herbstblätter fielen. Wie Brayden berührte sie kurz den Stamm, strich darüber. „Bis morgen, Penny.“

 

 

- 2 -

 

Pennsylvania, USA, 2016

Auf dem Nachhauseweg bekam Casey eine SMS von Nick, in der er andeutete, dass er alles geregelt hätte. Was immer das auch heißen mochte. Wahrscheinlich hatte er sich das Geld von einem Freund geliehen und jetzt bei diesem Schulden. Unwillkürlich dachte sie an ihren Bruder, um den sich ihre Familie ständig Sorgen machte, da er zu ähnlichen Schwierigkeiten neigte. Und sie dachte an Brayden Doyle und musste lächeln. Ob sie ihn noch einmal wiedersehen würde?

Casey lief die wenigen Stufen zu dem überdachten Busbahnhof hinunter. In dieser Jahreszeit liebte sie die Gerüche der nahen Wälder. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss den milden Herbstwind.

„Hallo, Casey.“

Die Stimme ließ sie abrupt die Lider heben. Vor ihr stand der Mann, den Nick den Kaffeenipper genannt hatte. Sie wich einen Schritt zurück und versuchte, aus seinem Blick herauszulesen, was er wirklich wollte.

„Hallo“, erwiderte Casey unsicher.

„Oh, entschuldigen Sie, ich habe mich Ihnen ja nie vorgestellt. Ich heiße Jim.“

Da er nichts mehr sagte, sondern sie nur anschaute, räusperte sie sich und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich hoffe, mein Kaffee ist nicht zu schlecht“, rutschte ihr heraus, und sie biss sich auf die Unterlippe.

„Weil ich immer nur …? Ich … äh … eigentlich mag ich keinen Kaffee. Ich komme … wegen Ihnen.“

Oh je … Casey überging seine Andeutung. „Wir haben auch Tee und Kakao im Angebot.“ Der Versuch, ihre Worte mit einer Prise Humor zu würzen, misslang. Das alles war ihr furchtbar unangenehm. Warum wagte er jetzt, sie anzusprechen? Jim wandte unerwartet seine Aufmerksamkeit ab und fixierte irgendetwas auf der anderen Straßenseite. Seine Miene verdüsterte sich. Sie folgte der Richtung, in die er schaute, und sah erstaunt, dass Brayden Doyle aus dem Bestattungsinstitut gegenüber getreten war.

„Ist er Ihr Freund?“, fragte Jim.

Wieder fühlte sie seinen eindringlichen Blick auf sich ruhen. Wie kam er darauf, dass Brayden ihr Freund war? Sie hatte den Iren erst heute Morgen kennengelernt. Ja, sie hatte sich intensiv mit ihm unterhalten, vielleicht sogar mit ihm geflirtet … Eine Erkenntnis huschte durch ihre Gedanken, die sie noch ein Stück weiter zurückweichen ließ. Nick hatte recht, Jim beobachtete sie.

Casey wollte seine Frage nicht beantworten. Dies war privat und er nur ein Kunde des Cafés. „Warum haben Sie noch nie im Café mit mir gesprochen, Jim?“, fragte sie zurück.

„Zu viele fremden Menschen.“

„Aber ich bin auch fremd.“

„Nein … nein …“

Der Unterton, indem er dieses kleine Wort aussprach, jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Sie warf Brayden einen hilfesuchenden Blick zu, aber er bemerkte sie nicht. Er versuchte, ein Taxi heranzuwinken, was ihm nicht gelang. Die Autos fuhren alle an ihm vorbei.

Bitte komm hierher!

„Jim, ich muss jetzt gehen, mein Bus kommt gleich. Auf Wiedersehen.“

Er stellte sich ihr in den Weg. Casey atmete hörbar ein. Ihre Hand umklammerte den Schultergurt ihrer Tasche.

„Gehen Sie mit mir aus, Casey.“

Wie konnte sie ihn abweisen, ohne dass er womöglich wütend wurde? In seinen Augen flackerte etwas, das sie nicht einordnen konnte. Es verursachte ihr ein mulmiges Gefühl.

„Ich … Jim … Es ist so …“

„Oh, hallo Casey.“

Als sie Braydens Stimme hörte, wirbelte sie herum und konnte ein erleichtertes Aufseufzen nicht unterdrücken. „Brayden, da bist du ja!“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange. „Darf ich dir Jim vorstellen? Er ist Kunde bei uns im Café.“

Brayden schien die Situation sofort zu erfassen. Er zog nur die Augenbrauen zusammen und kam an Caseys Seite, lud sie ein, sich bei ihm einzuhaken, was sie umgehend tat.

„Das wollte ich Ihnen gerade erklären, Jim. Es tut mir leid.“ Sie versuchte sich erneut an einem Lächeln, aber ihr war bewusst, dass es wohl eher zu einer Grimasse geriet.

Jim starrte Brayden an, als wolle er ihn mit Blicken töten. Der Ire lächelte gleichmütig zurück. Obwohl sie diesen Mann noch viel weniger kannte als Jim, fühlte sie sich bei ihm beschützt. Mit einem knappen Gruß verabschiedete sich Jim und ging davon.

Casey löste sich von Brayden. „Es tut mir leid! Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber …“

„Schon gut“, beschwichtigte Brayden. „Ich würde diesem Jim an Ihrer Stelle auch nur ungern im Dunkeln begegnen. In seinem Blick ist was Seltsames.“ Er grinste. „Aber an diese Art Ihrer Begrüßung könnte ich mich gewöhnen.“

„Auf jeden Fall haben Sie mich gerettet. Ich glaube, Jim beobachtet mich schon länger.“

Brayden fuhr herum. Sah Casey Sorge in seinen Gesichtszügen?

„Dieser Jim gefällt mir immer weniger“, sagte er. „Soll ich Sie nach Hause begleiten?“

Casey zögerte. Obwohl ihr Brayden sympathisch war und sie ihn gerade in ihrer Not ziemlich vertraulich behandelt hatte, blieb er doch ein Fremder. „Danke für das Angebot, aber ich fahre jetzt erst zu meinem Grandpa.“

„Passen Sie auf sich auf, Casey!“

Brayden ergatterte nun doch ein Taxi. Sie schaute dem Auto hinterher, bis es hinter einer Biegung verschwunden war. Wieder regte sich eine Empfindung in ihr, die sie völlig verwirrte. Konnte man einen Mann, den man kaum kannte, nach so kurzer Zeit tatsächlich vermissen?

Das Geräusch des heranfahrenden Busses erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie ging zu ihrer Haltestelle. Auf der Fahrt zu ihrem Großvater fühlte sie aufsteigende Müdigkeit. Wenn sie wie letzte Nacht schlecht geschlafen hatte, musste sie aufpassen, dass sie nicht im Bus einnickte. Schon zweimal hatte sie deshalb ihre Haltestelle verpasst.

Der Bus fuhr an dem Museum der Stadt vorbei. Casey schaute dem Gebäude sehnsüchtig nach. Ihr Traum, einmal dort zu arbeiten, rückte mit jedem weiteren Jahr ohne Studium in weite Ferne. Durch den Job im Café kam sie gut über die Runden, aber um aufs College zu gehen, fehlten ihr noch immer die Mittel. Sie hatte damals ein Stipendium erhalten und sich dagegen entschieden, weil sich die Universität am anderen Ende des Landes befand und ihr Wunschfach nicht anerkannt worden war. Casey wollte Geschichte studieren, aber das schien nicht so einfach zu sein. In den letzten Jahren gab es zu viele Studenten und zu wenige Studienplätze dafür. Zumindest hatte man sie mit dieser Erklärung vertröstet.

Die Landschaft veränderte sich. Sie ließen die Kleinstadt hinter sich und fuhren an weitläufigen Feldern und Weiden vorbei. Kühe waren hier allgegenwärtig, das Land lebte von der Milchproduktion. Auch ihr Großvater besaß eine kleine Farm. Doch er gehörte nicht zu den großen Milchfabrikanten, sondern hatte seine Art, den Hof zu bewirtschaften, in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Er schwor auf Weidehaltung und verzichtete auf eine große Produktion, war noch nie dem Dollar hinterher gejagt. Er lebte wirtschaftlich unabhängig, das Land gehörte ihm, und niemand mischte sich in seine Belange. Nur Caseys Vater versuchte hin und wieder, den einfachen Lebensstil von Caseys Grandpa zu hinterfragen, da er sich als Sohn in der Verantwortung sah. Es endete meist in einem Streit.

Der Bus hielt, und Casey stieg aus. Sie hängte sich ihre Handtasche über die Schulter und bog in eine einsame Straße ein, die nur am Anfang asphaltiert war. Bäume säumten den Weg, dahinter erstreckte sich eine weite Landschaft, die von Weiden beherrscht wurde. Der Saum des Waldes wirkte aus dieser Entfernung wie eine grüne Mauer, die sich bis zu den Wolken streckte. Nach einigen Minuten tauchten die ersten Apfelbäume auf. Diese Plantage war die Leidenschaft ihrer Großmutter gewesen, und ihr Grandpa bewahrte diesen wunderbaren Ort.

Casey verließ die Straße und betrat die kurz geschnittene Wiese, auf der die ersten goldgefärbten Blätter lagen. Die Abendsonne tauchte die Umgebung in einen Hauch von Bernstein. Die Apfelernte war bereits vorüber, nur noch ein paar überreife Früchte lagen am Boden. Letzte Wespen ernährten sich von ihrer Süße. Casey hegte eine Faszination für Insekten und Kleintiere. Andere Frauen wichen davor zurück, sie hingegen liebte es, diese Tiere zu beobachten. Sie ließ die Wespen in Ruhe und schlenderte zwischen den Obstbäumen in Richtung Farm.

So viele Erinnerungen verbargen sich hier. Casey dachte an den Abend, als ihr Grandpa am Lagerfeuer Marshmallows für sie geröstet und ihr von den Legenden der Shawnee erzählt hatte. Mit einem versonnenen Lächeln schaute sie auf die Zweige der knorrigen Apfelbäume und sehnte sich nach dieser unbeschwerten Zeit zurück.

Ein leises Bellen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie sah sich suchend um und fand Mato an seinem Lieblingsplatz. Der Hund war zwischen den Herbstblättern fast unsichtbar, so sehr fügte sich sein Fell in die Umgebung ein. Der Farbwechsel reichte von cremefarben, bis rötlich, durchzogen von unterschiedlichen Brauntönen. Mato hechelte aufgeregt, sein Schwanz schlug hin und her. Er versuchte, sich aufzurichten, aber es gelang ihm nicht sofort. Casey kniete sich zu ihm ins Gras.

„Hey, mein alter Junge. Hast du auf mich gewartet?“

Ihre Hände strichen durch sein langes Fell, während Mato sie begeistert begrüßte. Sie half ihm auf und reichte ihm seinen geliebten Teddy, den er nie aus den Augen ließ. Sie passte sich Matos Tempo an und schlenderte weiter zur Farm. Der Hund trottete zufrieden neben ihr her und übernahm nach einigen Metern die Führung. Hatte sich Mato erst einmal eingelaufen, klappte ein Spaziergang noch immer recht gut.

Casey fand ihren Grandpa auf der alten Bank vor dem Haus. Gedankenverloren schaute er auf die Weide, die an seinen Garten grenzte. Die braun-weißen Ayrshire-Rinder hoben fast gleichzeitig die Köpfe, um sich den Neuankömmling genau anzusehen. Als die Tiere sie erkannten, entspannten sie sich wieder und grasten weiter. Ihr Großvater wandte sich ihr zu. Mit einem Lächeln nahm er seine Pfeife aus dem Mund. „Hallo, meine Kleine.“

Sie setzte sich zu ihm auf die Bank und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Grandpa, du sollst doch nicht rauchen.“

„Das ist ein altes Rezept der Shawnee.“ Genüsslich sog er den Kräutertabak ein und entlockte Casey damit ein amüsiertes Grinsen.

„Ach, und die Shawnee rauchen einen total gesunden Tabak?“

Ihr Grandpa zwinkerte ihr zu, blies einen Rauchkringel in die Luft. „Kokumthena wird schon dafür sorgen, dass es mir nicht schadet.“

Casey kannte die Geschichte der alten Indianergöttin. Ohne darüber nachzudenken, sah sie zum Himmel, suchte den Mond, mit dem Kokumthena in Verbindung stand. Hinter den sanften Hügeln hätte der Himmelskörper bereits als Sichel zu sehen sein müssen, aber violett gefärbte Wolken verdeckten den Horizont.

Ihr Grandpa legte für Mato eine Decke hin, die der Hund gern annahm.

„Wenn seine Knochen zu kalt werden, kommt er gar nicht mehr hoch“, murmelte er und beugte sich kurz zu dem Tier hinunter, um es zu kraulen. „Nachher mach ich den Kamin an, dann hast du‘s schön warm, alter Junge.“

Casey hakte sich bei ihrem Grandpa unter und beobachtete ihn. In seinem weißen Haar fand sich noch ein rötlicher Schimmer. Seine Bartstoppeln verdeckten die meisten Sommersprossen, die durch die Arbeit im Freien stets hervorgelockt wurden. Mit einem Seufzer lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter und genoss die vertraute Stille zwischen ihnen.

Der erste Abendnebel stieg von den Wiesen auf, und nun blitzte der Mond doch zwischen den Wolkenschlieren hervor. Das Pfeifenkraut der Shawnee erfüllte die immer kühler werdende Luft. Tau glitzerte auf den Spinnennetzen zwischen den Gräsern auf der Wiese. Casey seufzte leise.

„Wie war dein Tag, meine Kleine?“

Ihr huschte ein Lächeln über die Lippen. „Irisch“, antwortete sie und warf ihm einen verschmitzten Blick zu.

Ihr Grandpa beugte sich vor, um sie anzusehen. „Das musst du mir aber näher erklären.“

„Angefangen hat alles mit einem Magazin, und es endete damit, dass mir ein charmanter Ire aus der Klemme geholfen hat.“

„Das bedarf wohl eines ausgedehnten Gespräches am Kamin“, sagte er und richtete sich mit einem unterdrückten Laut auf. Mato spürte den Aufbruch. Casey half ihm auf, sodass er mit ihnen ins Haus gehen konnte.

Ihr Großvater fachte den Kamin an. „Weißt du was, Casey? Ich mache dir Grandmas berühmte Apfel-Pancakes.“

Casey hängte ihre Jacke an die Garderobe. Sie sah ihn skeptisch an.

„Diesmal lasse ich sie nicht anbrennen. Versprochen!“

Da sie wusste, dass er sich nicht helfen lassen würde, küsste sie ihn auf die raue Wange und setzte sich an den Tisch. Sie nahm die Irland-Zeitschrift aus ihrer Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch. Das Klappern des Geschirrs, die friedliche Atmosphäre, der Geruch der Äpfel, die ihr Grandpa schälte und aufschnitt, brachte Erinnerungen an ihre Kindheit zurück. Für einen Moment schloss sie die Augen und dachte an ihre Großmutter, die mit Vorliebe die alten Rezepte der Amish People ausprobiert hatte. Für lange Zeit waren ihre Vorfahren in deren täuferisch-protestantischem Glauben groß geworden, bis einer aus der Familie dagegen rebelliert hatte. Ihre Grandma hatte dennoch nie ihre Wurzeln vergessen. Schon seit zwei Jahren war sie nun nicht mehr bei ihnen.

Die Pancakes gelangen perfekt. Der Duft von Zimt und Vanille ließ Casey genießerisch schnuppern. Beim Essen erzählte sie ihrem Grandpa von der Begegnung mit Brayden Doyle, und er hörte ihr gespannt zu. Später blätterten sie zusammen in dem Irland-Magazin, während sich Mato mit seinem verschlissenen Teddy vor dem Kamin zusammenrollte. Ihr Grandpa kannte sich erstaunlich gut in Irland aus, schien fast jede Sehenswürdigkeit aus der Zeitschrift zu kennen.

„Warst du schon mal in Irland, Grandpa?“

„Ja, vor langer Zeit.“

Caseys Interesse war geweckt. „Erzählst du mir davon?“

Sie sah ihm an, dass er darüber nachdachte. Eine Sehnsucht lag in seinen Augen. Seine Miene wandelte sich, er zog die Augenbrauen zusammen. Wollte er die Erinnerung an diese Zeit wieder verdrängen?

„Grandpa?“

„Kleines, das ist wirklich sehr lange her, und deine Grandma würde nicht wollen, dass ich diese alte Geschichte wieder aufwärme. Es war vor ihrer Zeit …“

„So lange ist das her?“

„Ich will dir nur so viel verraten. Dort bin ich meiner ersten Liebe begegnet. Aber irische Romanzen enden irgendwie immer tragisch.“

„Was ist geschehen, Grandpa?“, fragte Casey leise.

„Sie ist beim Wandern unglücklich gestürzt und einige Klippen heruntergerutscht. Sie starb an ihren Kopfverletzungen, und ich bin gebrochen nach Pennsylvania zurückgekehrt. Dann habe ich deine Großmutter getroffen.“

„Du hast sie auf diesem Tanzfest kennengelernt, oder?“

„Ja, weil mein Freund mich überredet hatte, wieder unter Leute zu gehen. Sie war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte.“ Er lächelte für einen Augenblick glücklich bei der Erinnerung. Über dem Kamin hing ihr Foto, und Casey beobachtete, wie er das Bild so eindringlich anschaute, als hielte er wortlos Zwiesprache mit seiner verstorbenen Frau.

Das Gespräch verstummte. Das Holz im Kamin knisterte, sie hörte die Kühe draußen leise rufen. Ihr Grandpa sagte immer, sie würden sich unterhalten, und von jeher fragte sich Casey, was wohl diese großen Tiere zueinander sagten.

„Ich möchte dir von etwas anderem erzählen“, durchbrach ihr Grandpa die Stille zwischen ihnen. „Unsere Familie hat früher mal ein Tagebuch aus dem neunzehnten Jahrhundert besessen. Die Verfasserin war eine irische Auswanderin. Deine Grandma hat das Buch vor vielen Jahren im Nachlass meiner Mutter gefunden.“

Casey sah überrascht auf. Ihr Herz klopfte im Rhythmus einer schamanischen Trommel − intensiv und aufwühlend. „Wo ist es jetzt?“

Ihr Grandpa seufzte. „Leider nicht hier. Wir haben es dem kleinen Museum in der Stadt gestiftet, weil wir fürchteten, dass es sonst Schaden nehmen würde. Vielleicht magst du es dir ja mal ansehen, wenn du Zeit hast. Frag einfach Mr. Archer. Er zeigt es dir bestimmt gern.“

„Oh, das werde ich! Da kannst du dich drauf verlassen. Du weißt doch, wie sehr ich solche Dinge liebe.“

Casey versuchte, ihm noch mehr Informationen zu entlocken, aber ihr Grandpa schien das Thema wegen seiner eigenen Erinnerungen fallen lassen zu wollen, deshalb bedrängte sie ihn nicht weiter.

„Müssen eigentlich die Kühe noch gemolken werden?“, fragte sie.

„Ja, es ist zwar noch etwas zu früh, aber sie sind unruhig.“ Er stand auf, und Casey folgte ihm nach draußen zu den Stallungen. Die Tiere waren schon von sich aus hineingegangen und horchten auf, als ihr Bauer zu ihnen kam.

„Das ist das letzte Jahr, indem sie Milch geben müssen“, sagte ihr Grandpa nachdenklich.

„Was? Warum denn?“

Mit einem Lächeln strich er Casey über das Haar. „Ach, Kleines, ich bin langsam zu alt dafür.“

„Und was wird dann aus ihnen?“, wollte sie besorgt wissen. Sie wusste, ihr Grandpa liebte seine Rinder.

„Na, sie bleiben hier und werden mit mir alt, obwohl die meisten mich wohl überleben werden.“

„Sag doch nicht so was!“

Er rief seinen Liebling zu sich, und die angesprochene Kuh kam wie ein Hund auf ihn zugelaufen.

„Vielleicht werde ich eine der Sanctuary-Farmen.“ Er grinste seine Enkelin verschmitzt an.

„Das würde zu dir passen“, sagte Casey mit einem leisen Lachen.

In diesen besonderen Farmen in Pennsylvania, in denen der Tierschutz an erster Stelle stand, fanden Großtiere im Alter eine Heimat. Casey wusste, dass ihr Grandpa schon länger damit liebäugelte. Das Gerede, er wäre zu alt, kam ihr nur vorgeschoben vor.

Sie warf ihm einen liebevollen und dankbaren Blick zu. Er gab ihr Halt in dieser schnelllebigen Welt, in der sich nur wenige Träume erfüllten. Hier kam sie zur Ruhe, konnte ihre Gedanken ordnen, sich wieder auf das Wichtige konzentrieren. Sie dachte an Brayden, an Irland – und schon drängte sich das Tagebuch der geheimnisvollen Irin in den Vordergrund. Und es ließ sie nicht mehr los.

 

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© Tanja Bern