Mara weiß genau, dass sie ein kleines Café leiten möchte. Leider scheint dieser Traum unerreichbar. Aber sie weiß, dass ihr der Job bei dem wohlhabenden Neil Thompson einen echten Auftrieb geben würde. Sie weiß nicht, dass der unnahbare Mann alles verändern könnte – insbesondere ihr Gefühlsleben.

Neil weiß, dass sein Leben auf Messers Schneide steht. Deshalb ist er auf die Isle of Wight geflüchtet. Er weiß auch, dass die Dinge kompliziert sind und er dringend Hilfe braucht. Aber er weiß noch nicht, dass Mara in sein Leben treten wird und einen Funken entzündet, der in ihm eine nie gekannte Hoffnung weckt.

 

Wie ein Funke im Herzen
Genre: Romance
Verlag: Digital Publishers

 

E-Book:

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Leseprobe

 

 

Ich atmete den unvergleichlichen Duft des Ozeans ein, hielt die Augen geschlossen und genoss das sanfte Schaukeln. Unter meinen Handflächen spürte ich die von der Sonne erwärmten Planken des Kutters. Das Geschrei der Möwen näherte sich. Ich hob die Lider, schaute in den blauen Himmel, den nur einige Wolkenfetzen durchzogen. Die Meeresvögel zogen über dem kleinen Trawler ihre Kreise.

„Einige haben noch nicht begriffen, dass es hier nichts mehr zu holen gibt.“

Als ich die Stimme meines Vaters hörte, richtete ich mich ein wenig auf. Dad saß in meiner Nähe und paffte eine Pfeife. Er zeigte damit hoch zu den Sturmmöwen und lächelte mit wehmütigem Ausdruck.

„Oder es liegt daran, dass du ihnen immer mal wieder heimlich was zuwirfst“, konterte ich.

Er lachte leise. „Das mag wohl sein.“

Ich spielte mit einer meiner dunkelbraunen Haarsträhnen, drehte sie um den Zeigefinger und betrachtete meinen Dad. Eine graue Mütze bändigte seine Kurzhaarfrisur, der Bart war frisch gestutzt. Sein Blick folgte dem Flug einer Möwe, die sich nun herabsinken ließ und sich auf die alte Winde setzte, auf der früher das Fischernetz aufgerollt worden war. Der Vogel tippelte in seine Richtung und gab einen glucksenden Ton von sich.

Dad kam der Aufforderung nach und erhob sich. „Ja, ja, ich hol dir was.“

Mit einem Schmunzeln beobachtete ich meinen Vater, wie er unter Deck ging, nach etwas kramte, und mit einem Eimer wiederkam. Er blieb in der Fahrerkabine stehen, um seine Pfeife abzulegen.

„Komm her, Missy, hol es dir hier ab, sonst kommen noch zwanzig andere.“

Er holte einen kleinen Fisch aus dem Eimer, wedelte damit herum. Die Möwe musste das Spielchen kennen, denn sie hüpfte zu ihm hin. Er warf ihr dreimal Fressen zu und schloss dann den Behälter.

„Jetzt ist es genug.“ Eine Handbewegung scheuchte sie hinaus. Missy flatterte auf, ließ sich vom Wind tragen, um wieder umzukehren und sich auf das Dach der Fahrerkabine zu setzen.

„Du hast also eine kleine Freundin gefunden“, sagte ich lächelnd.

„Na ja …“ Er schaute aufs Meer, über dem noch andere Möwen kreisten. „Erinnerst du dich, als die Maid Marian letztes Jahr in der Werft war?“

„Ja, sicher.“

Der Kutter hatte generalüberholt werden müssen und Dad war in dieser Zeit bei mir in meiner Wohnung geblieben. Früher hatte er als selbstständiger Berufsfischer gearbeitet, was ihn fast in den privaten Ruin getrieben hätte. Der Verkauf seiner Wohnung tilgte schließlich die Schulden und seitdem lebte er auf seinem Kutter, den er liebevoll hergerichtet hatte. Jetzt bot er für Touristen Bootstouren ebenso wie Hochseeangeln an und zumindest reichte dies zum Leben. Aber der Gedanke, dass er nicht mehr wir früher aufs hohe Meer rausfuhr, stimmte mich jedes Mal traurig, denn Dad hatte seinen alten Job wirklich geliebt.

„Als ich meine Marian wiederbekam, entdeckte ich ein Möwennest am Heck.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich blieb also noch eine Weile im Hafen, weil die Jungen fast flügge waren. Und Missy ist eine von ihnen. Wo die anderen sind, weiß ich nicht, aber sie kommt manchmal noch her.“

„Warum habe ich davon denn nichts mitbekommen?“

Er zögerte einen Moment und zupfte an seinem Bart, als könne er so die Antwort hinauszögern, ehe er sagte: „Mara, das war in den Wochen, als du bei Carla angefangen hast.“

„Oh …“ Diesen Zeitraum verdrängte ich meist aus meinem Gedächtnis, nicht zuletzt wegen Shane, der mich betrogen und mir damit einen ordentlichen Riss ins Herz getrieben hatte.

„Warum hat dir deine Mutter heute freigegeben?“, fragte Dad, als ich nichts weiter sagte.

„Du glaubst, das hat sie freiwillig gemacht?“

Dad schnaufte belustigt auf.

Ich hingegen seufzte leise. „Ich habe sie drum gebeten, weil ich einfach mal einen Tag Ruhe haben wollte. Diesmal hat sie nachgegeben.“ Ich erhob mich, lehnte mich auf die Reling und schaute auf die Küste. „Das hier machen wir viel zu selten.“

„Wem sagst du das.“ Dad nahm sich seine Pfeife wieder und zog genüsslich an ihr. „Ich tuckere mal ein bisschen weiter, wir treiben zu nah ans Land.“

Der Motor startete mit lautem Knattern, die Maid Marian setzte sich wieder in Bewegung. Ich genoss die Aussicht auf die Isle of Wight. Hier auf der Insel war ich geboren worden. Und ich liebte jeden Zipfel davon.

Wir fuhren an Sandstränden und kleinen Waldstücken vorbei, die bis nahe ans Meer kamen. Hohe Klippen ragten dazwischen auf. Einmal sah ich Palmen auf einem Hotelgelände, das sich wie eine große Villa in die Landschaft schmiegte.

Die Insel im Süden Englands, die durch ihr mildes Klima mediterrane Züge besaß, beheimatete eine vielfältige Natur. Woanders zu leben konnte ich mir nicht vorstellen. Wenn doch nur die beruflichen Zukunftschancen besser stünden. Mittlerweile half ich bei meiner Mutter in der Boutique aus und teilte frühmorgens zusätzlich Zeitungen oder Werbeprospekte aus. Ich hatte zwar im Chessell Pottery Café eine Ausbildung im Gastgewerbe abgeschlossen, aber es gab viele junge Leute, die auf der Insel bleiben wollten, und die Arbeitsplätze waren rar. Ach, ich vermisste den Geruch nach Kaffee und Gebäck, das leise Gemurmel der Gäste, den Trubel, wenn sich die vier Kinder von Ms McGallagher einen Snack holten.

Ich verdrängte die Überlegungen und genoss lieber die Schiffstour mit meinem Vater. Erneut sog ich den Geruch der Küstenregion ein, sah einem Segelschiff zu, das sich elegant mit dem Wind drehte. Die Sonne tupfte bereits auf die Hügel auf, ihr Schein färbte sich in ein helles Orange, in das sich feuerrote Schlieren mischten. Die Isle of Wight wirkte wie von Gold umhüllt.

Viel zu früh für meinen Geschmack steuerte Dad den Hafen an, denn ich hätte noch ewig weiterfahren können. Wir näherten uns dem Anleger und ich hängte die Fender nach außen. Gekonnt lenkte Dad die Maid Marian an den Steg. Ich sprang von Deck und vertäute den Kutter auf der einen Seite, mein Vater kam dazu und erledigte den Rest.

Ich drehte mich zum Meer und schloss kurz die Augen. Lauer Wind umwehte mich. Immer noch umkreisten uns einige Möwen und ein Krabbenkutter fuhr aus dem kleinen Hafen.

„Kommst du noch runter auf einen Tee, Mara?“, unterbrach Dad meine Beobachtungen.

„Ja, gerne.“

Dad stieg zurück auf den Kutter und ging über die Fahrerkabine unter Deck, wo sich sein kleiner Wohnbereich befand. Ich folgte ihm, kletterte die engen Stufen runter und setzte mich auf die Eckbank an den Tisch aus lackiertem Holz. Jedes Möbelstück war auf irgendeine Weise mit dem Schiff verbunden, damit bei Seegang nichts durch die Gegend rutschte.

Mein Vater kochte Wasser auf und stellte mir eine dampfende Tasse hin. Ich zupfte an dem Band und bewegte den Teebeutel hin und her, damit sich der Darjeeling schneller entfaltete. Am liebsten trank ich ihn ohne Milch und süß. Allerdings war ich auch Halbspanierin, was ich im Scherz oft betonte, wenn man mich auf diese Vorliebe ansprach. Mit einem Lächeln reichte Dad mir die Schachtel mit den Zuckerwürfeln und setzte sich zu mir. Ich ließ zwei der Zuckerstücke in meine Tasse fallen.

„Du bist heute so still“, bemerkte Dad.

Ich blickte auf. „Findest du?“

Mein Vater nickte und ich sah Besorgnis in seinem Blick.

„Alles gut, ich bin nur ein bisschen müde. Mr Richards hatte einen Haufen Prospekte für mich. Ich glaube, ich war heute Morgen mit dem Rad schon auf der halben Insel unterwegs.“

Sein skeptischer Blick sagte mir, dass er mir nicht abnahm, dass alles in Ordnung war.

„Und wie geht’s deiner Mum?“, fragte er. Wahrscheinlich, weil die meisten meiner Probleme mit meiner Mutter zu tun hatten.

Ich hob kurz die Schultern an. „Ach, du kennst sie ja. Mamá triezt mich in der Boutique herum und schwelgt in ihren Hippie-Outfits.“

Ich umklammerte die Teetasse, wärmte meine Hände an der Keramik. Gedankenverloren lauschte ich auf die seichten Wellen, die mit einem plätschernden Geräusch an die Seite des Kutters schwappten. Die Müdigkeit, die ich heute spürte, ging irgendwie tiefer.

„Rede mit mir, Mara.“

Ich seufzte leise, zog den Teebeutel aus der Tasse und rührte das Heißgetränk mit dem Löffel um, den Dad mit einem Unterteller auf den Tisch gelegt hatte. Bevor ich antwortete, nippte ich am Darjeeling.

„Es ist … Ich weiß auch nicht.“

Natürlich wusste ich genau, wo mein Problem lag. Ich wollte es nur nicht aussprechen, wich Dad aus und spielte wieder mit meinem Haar. Eine Angewohnheit, die ich einfach nicht sein lassen konnte, obwohl ich mir damit ständig die Strähnen verknotete.

„Es ist die Arbeit in der Boutique, oder?“

Wie so oft traf mein Vater ins Schwarze.

„Schon“, antwortete ich eher zögerlich. „Mamá ist manchmal … wirklich schwierig, und sie kann mir ja kaum was bezahlen. Ich wünschte, ich könnte wieder in einem Café oder so arbeiten.“

Dad reckte sich nach hinten und langte nach einer regionalen Zeitung. „Ich hab da gestern was entdeckt und musste direkt an dich denken.“

„Aha?“, erwiderte ich argwöhnisch, denn manchmal kam mein Dad auf seltsame Ideen.

Er blätterte in der County Press, suchte offensichtlich eine Anzeige. „Hier!“ Er schob mir das Blatt zu, den Finger auf eine Annonce gelegt. Ich warf einen Blick darauf und runzelte die Stirn, als ich die Stellenanzeige sah.

„Dad, hier wird eine Person ab fünfunddreißig Jahren gesucht, mit Erfahrung in großen Haushalten. Beides trifft auf mich nicht zu.“

„Sieh dir die Bezahlung an.“

Ich schaute noch einmal hin und las das Inserat nun komplett durch.

„Oh … wow.“

Die Bezahlung war für meine Verhältnisse wirklich hoch und genau das brauchte ich gerade! Doch sofort nagten Zweifel an mir.

„Ich weiß nicht, Dad, das ist schon was anderes, als meine winzige Wohnung in Ordnung zu halten.“

Dad winkte ab. „Das schaffst du mit links!“

Ich schnaufte auf. „Ja, ich schaffe es mit links, Chaos zu verbreiten.“ Entschieden schob ich ihm die Zeitung wieder hin. „Außerdem werde ich wahrscheinlich nicht mal in Erwägung gezogen. Schau mal, da ist eine Vermittlerfirma zwischengeschaltet. Die sortieren meine Bewerbung direkt aus.“

„Dann fahr selbst hin und stell dich persönlich vor.“, überging Dad meinen Einwand.

Ich verzog skeptisch das Gesicht. „Ich weiß ja nicht mal, wer hinter der Anzeige steckt. Hier steht nur die Telefonnummer dieser Firma.“

„Du weißt schon mal, dass die Stelle oben in Godshill ist.“

„Und?“

„Mmh.“

Ich horchte auf und musste mir ein Schmunzeln verkneifen. „Dieses Mmh kenne ich.“

Er hob die Hand in einer Geste, die wohl bedeutete, dass ich kurz warten sollte. Kurzerhand nahm er sein altes Smartphone und zog die Zeitung zu sich heran. Anscheinend tippte er die Nummer der Vermittlungsfirma ein.

„Dad! Was hast du vor?“

Er legte den Zeigefinger an die Lippen und grinste schelmisch. Seine Mimik veränderte sich, als sich am anderen Ende der Leitung eine Frau meldete. Rasch stellte er den Lautsprecher an, damit ich mithören konnte.

„Ja, guten Tag, Tyler hier, von der County Press“, sagte mein Vater geschäftsmäßig. „Wir bräuchten für die Online-Seite noch eine Angabe zu der Stellenanzeige, die Sie in der Zeitung für Godshill ausgeschrieben haben.“

„Sie meinen die Annonce für Mr Thompson?“

„Wie viele Stellenanzeigen haben Sie für Godshill ausgeschrieben?“, fragte Dad in ironischem Tonfall, als wäre es selbstverständlich, wen er meinte.

„Nur eine.“

„Dann ist es wohl Mr Thompson.“

Ich sah ihm an, dass er sich ein Grinsen verkneifen musste.

„Neil Thompson möchte in der Anzeige nicht erwähnt werden.“

Dad lehnte sich an die kleine Küchentheke. „Auch nicht in der größeren Online-Variante?“

„Nein, deshalb händeln wir das ja für ihn.“

„Ach so, in dem Fall entschuldigen Sie. Dann hat ja alles seine Richtigkeit. Ich hatte hier diesbezüglich nur eine Anfrage.“

„Die Bewerbungen sollen ausschließlich zu uns gesendet werden“, sagte sie in unmissverständlichem Ton.

„Richte ich aus. Vielen Dank und einen schönen Tag noch.“

„Gleichfalls.“

Mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck beendete er das Gespräch.

„Dad, du bist einfach unglaublich.“ Ich lachte auf. „Aber warum willst du so unbedingt, dass ich mich dort bewerbe? Wahrscheinlich jagt mich dieser Mr Thompson von seinem Anwesen. Er will ja nicht mal namentlich genannt werden.“

„Ich weiß auch nicht, ist so ein Gefühl.“ Er griff nach seiner erkalteten Tabakpfeife, säuberte sie und begann seelenruhig, sie neu zu stopfen.

„So wie damals, als du deinen persönlichen Jahrhundertfang gemacht hast?“

„Ja, so in etwa. Ausgelacht haben sie mich, weil ich bei dem Regenwetter rausgefahren bin.“ Ich sah ihm zu, wie er seine Pfeife anzündete und genussvoll daran zog. „Und dann haben sie große Augen gemacht.“

Er nahm sich seine Fischermütze vom Kopf, um sich das Haar zu zausen, und setzte sie wieder auf. Diese Mütze war sein besonderer Glücksbringer. Fuhr er aufs Meer hinaus, trug er sie stets, als könne sie ihn beschützen.

„Und was mache ich nun mit der Information?“

„Na, jetzt sollte man doch rauskriegen, wo er wohnt. Du fährst hin, haust ihn um und hast einen Job, bei dem du mal vernünftig verdienst.“

Ich gluckste amüsiert. „So einfach ist das, ja?“

„Schau dich an, Mädchen. Du bist wunderschön und hast das Feuer einer Spanierin. Dich kann er gar nicht ablehnen.“

„Ach, Dad, ich hab dich lieb.“ Ich beugte mich zu ihm und küsste ihn auf die bärtige Wange.

Mein spanisches Feuer musste ich hingegen erst wiederfinden. Vielleicht kam es ja zurück, wenn ich heute mal eher ins Bett ging?

Oder Kaffee, dachte ich. Kaffee geht auch.

 

Früh am Morgen des nächsten Tages stand ich im Nachthemd auf meinem kleinen Balkon und sah zu, wie die Sonne aufging. Eine heiße Tasse Kaffee wärmte mir die Hände und ich lauschte der Amsel, deren Gesang sich mit den Möwenrufen mischte. Nebel erhob sich über den Hügeln und das erste Tageslicht tastete sich langsam über die Landschaft. Ich nippte an meinem Getränk und wartete, dass die warme Helligkeit den Zipfel des Meeres, den ich von hier sehen konnte, beleuchtete.

Natürlich war ich gestern Abend nicht früher ins Bett gegangen. Wie so oft hatte mich meine Lieblingsserie wachgehalten. Demzufolge kämpfte ich gegen die Müdigkeit. Nach einem weiteren Schluck Kaffee gähnte ich hinter vorgehaltener Hand.

Dann sah ich es und ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen.

Seitliche Strahlen trafen auf die Wasseroberfläche und tauchte sie in einen Schein, dessen Farbe mich an die wilden Malven denken ließ, die hier im Sommer oft an den Wegrändern blühten. Als die Sonne höher stieg, färbte sich die See azurblau.

Ich liebte den Sonnenaufgang, er barg für mich pure Hoffnung.

Mit einem Seufzen trank ich meinen Kaffee aus und sog noch einmal die milde Sommerluft ein.

„Na, dann los, Mara“, spornte ich mich an.

Nach dem Duschen stand ich vor meinem Kleiderschrank. Spontan zog ich ein kurzes Kleid heraus, denn das Wetter versprach schön zu werden. Wenn ich das allerdings auf dem Fahrrad anziehen würde, könnte ich auch gleich in Unterwäsche losfahren. Heute mussten noch eine Menge Werbeprospekte verteilt werden, bevor ich zu Mamá in die Boutique ging. Mr Richards hatte mir dafür zwei Tage Zeit gegeben, weil es wirklich ein großer Stapel war. Ich lugte auf die Tasche im Korridor, in der sich die Werbung für ein Restaurant nahe am Strand befand.

Daher entschied ich mich für eine schwarze Stretchjeans und ein eng anliegendes, dunkelrotes Top, das meine Oberweite ein bisschen im Zaum hielt, da es einen integrierten BH besaß. Ich warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Make-up war nicht so mein Ding. Wenn ich es vermeiden konnte, blieb ich ungeschminkt. Ich schüttelte mein langes Haar aus dem Turban-Handtuch, kämmte die dunkelbraunen Locken behutsam durch und beschloss, dass sie an der Luft trocknen konnten.

Im Flur schlüpfte ich in meine Sneakers und griff nach meiner Jeansjacke. Ich schnappte mir die schwere Tasche mit den Prospekten und schlich die Treppe zur Haustür hinunter. Es war kurz nach sechs. Mamá, die ihre Wohnung im Stockwerk unter mir hatte, war sicher schon wach und ich wollte sie nicht auf mich aufmerksam machen. Um neun Uhr wäre ich früh genug mit ihr konfrontiert. Sie erkannte nämlich jeden der Hausbewohner an der Art, wie er oder sie die Treppe runterging. 

Draußen schloss ich mein Fahrrad auf, steckte die Tasche in den Korb auf meinem Gepäckträger und radelte in Richtung Meer. Mr Richards hatte mir eingebläut, dass ich die Werbung vor allem in die Touristengebiete bringen sollte. Ich fuhr also die Cottages ab, die man mieten konnte, steckte die Werbezettel in die Briefkästen und ging wie schon am Vortag auch in einige Hotels, um zu fragen, ob sie die Prospekte auslegen würden. Die meisten lehnten ab, nur bei einem hatte ich Erfolg.

Als ich mein Fahrrad wenig später um eine Biegung lenkte, machte ich kurz Halt und schaute auf den Strand von Ventnor. Um die Uhrzeit schliefen die meisten Touristen noch seelenruhig in ihren Betten. Ich sah einen Jogger, einen Mann, der seinen Hund spazieren führte und eine Frau, die mit einer Greifzange Müll aufsammelte.

Der Stapel in der Tasche schien nicht kleiner zu werden, also radelte ich oberhalb des Strandes entlang, am La Falaise Car Park vorbei, um auf die Westseite der Kleinstadt zu kommen.

Die Zeit schritt voran und die Werbeblätter wurden endlich weniger. An einer Straßenkreuzung hielt ich an, um auf meine Armbanduhr zu schauen. Es war fast halb acht. Als ich den Blick hob, fiel mein Augenmerk auf ein Straßenschild. Wenn ich nach links abbiegen würde, käme ich nach Newport und Wroxhall, aber auch nach … Godshill. Ich atmete tief durch. Der Ort, an dem der ominöse Neil Thompson wohnte und auf eine Haushaltshilfe wartete. Ich wusste, es wären von hier keine fünf Meilen und ich könnte es in weniger als einer halben Stunde schaffen.

Dads Stimme hallte in meinem Kopf wider. Du fährst hin, haust ihn um und hast einen Job …

Meine Mutter würde mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn ich zu spät zur Arbeit käme, also musste ich gut abwägen. In mir kribbelte alles, jeder Gedanke schrie förmlich nach einer Veränderung. Zwei Autos fuhren an mir vorbei, beide bogen in Richtung Godshill ab.

„Ach, was soll’s!“

Vielleicht fand ich diesen Mr Thompson gar nicht. Dann hatte ich wenigstens die verdammten Werbezettel bis über die Stadtgrenze gebracht.

Ohne weiter zu zögern, bog ich nach links ab und fuhr die schmale Straße entlang, bis ich auf die Zufahrtsstraße stieß, die mich ins Innere der Insel bringen würde.

Als ich in Godshill ankam, raste mein Herz. Ich war gefahren wie der Teufel und das Blut pulsierte durch meinen Körper. Ich stieg vom Fahrrad. Rechts von mir befand sich eine Mauer, an die ich mich kurz lehnte. Sträucher und niedrige Bäume schenkten mir Schatten, denn die Morgensonne kam mir heute irgendwie heißer vor als sonst. Das lag sicher daran, dass ich trotz des Aufstiegs am Anfang wie wild in die Pedale getreten hatte.

Als ich wieder zu Atem gekommen war, schob ich das Rad weiter die Straße rauf. Ich kam an reetgedeckten Cottages mit verwilderten Vorgärten vorbei. Blumen blühten an niedrigen Mauern, auf Fensterbänken oder wuchsen einfach an den Hauswänden empor. Das Dorf wirkte penibel sauber, nicht einmal ein Bonbonpapier lag irgendwo auf dem Boden. Von Zeit zu Zeit entdeckte ich kleine Cafés und Geschäfte neben der gut ausgebauten Straße, und da hier im Moment kein einziges Auto fuhr, wirkte alles idyllisch. Godshill schien noch zu schlafen.

Ich stieg wieder auf, radelte die Straßen ab, damit ich jemanden nach Mr Thompson fragen konnte. Ich wollte schon aufgeben, als eine Frau aus ihrem Haus kam, um den Müll rauszubringen. Bevor sie wieder im Haus verschwand, stoppte ich und schob mein Rad in ihre Richtung.

„Guten Morgen“, grüßte ich. „Können Sie mir vielleicht helfen? Ich suche einen gewissen Neil Thompson.“

Die ältere Frau grüßte zwar, zuckte aber mit den Schultern. Sie wirkte noch ziemlich schläfrig. „Fragen Sie mal im Post Office nach.“ Sie wandte sich bereits wieder ab.

„Wo finde ich das?“, setzte ich deshalb rasch hinterher.

„Im Godshill Village Store. Sie müssen zurück, das ist ein Stück die Straße runter.“

„Danke!“

Ich wendete mein Rad, fuhr zurück und hielt Ausschau nach dem Store, der mir schnell ins Auge fiel. Als ich jedoch die Öffnungszeit las, sank meine Laune erheblich.

Qué mierda!“, fluchte ich leise.

Das Post Office öffnete erst in einer Stunde.

„Spanisch?“, fragte eine Stimme.

Ich wirbelte herum und sah eine Gestalt am Haus, die ich zuerst nicht wahrgenommen hatte, weil sie komplett im Schatten stand. Ein Mann in den mittleren Jahren sortierte Briefe und allerhand Prospekte. Er steckte sie nach einem ganz eigenen System in seine Tasche, die meiner ein bisschen ähnelte.

Entschuldigend hob ich die Hand zum Gruß in seine Richtung.

„Äh ja, halb, mütterlicherseits. Manchmal überkommt es mich einfach.“ Ich lächelte verlegen.

„Hörte sich nach einem Fluch oder so an“, sagte er, ohne aufzublicken.

„Da muss ich Ihnen leider zustimmen.“

„Wo liegt denn das Problem?“

„Ach, ich wollte im Postamt fragen, ob jemand … Moment! Sie sind der Briefträger!“

Nun grinste er mich schief an. „Da könnten Sie recht haben.“

„Oh, Gott sei Dank!“, entfuhr es mir erleichtert.

„Der hat Sie zu mir geführt?“

Ich lachte auf. „Nein, das war eine ältere Frau, etwas die Straße rauf. Kennen Sie einen Neil Thompson? Er soll hier in Godshill wohnen.“

„Was wollen Sie denn von ihm?“

Mein Gesicht hellte sich auf. „Sie kennen ihn?!“

Er zuckte mit den Schultern. „Nun ja, ich liefere hier die Post aus und wir sind ein Dorf. Ich kenn die meisten.“

„Ach, das ist prima. Er sucht eine Haushaltshilfe und ich möchte mich bei ihm vorstellen. Leider stand in der Annonce keine Adresse.“

Er zog skeptisch die Augenbrauen zusammen, schloss seine Tasche und hob den Halteriemen über den Kopf, sodass er auf der anderen Schulter zum Liegen kam. „Warum stand in der Annonce keine Adresse, wenn er jemanden einstellen will?“

„Na ja …“ Ich biss mir verlegen auf die Unterlippe. „Eigentlich managt das eine Firma für ihn. Ich fürchte, die würden mir aber nicht die geringste Chance geben, mich bei ihm vorzustellen.“

„Und wieso nicht?“

„Eigentlich erfülle ich nicht so ganz die Anforderungen der Anzeige“, antwortete ich kleinlaut.

Er musste mir ansehen, wie unwohl ich mich fühlte, denn er seufzte leise. „Hören Sie, Mr Thompson schätzt Besuch nicht sonderlich. Sicher hat er seine Gründe, wenn er so eine Firma beauftragt.“

„Ja, wahrscheinlich“, erwiderte ich mutlos und senkte den Blick.

„Sie könnten trotzdem die Hauptstraße ein Stück weiter rauffahren und am Ende des Dorfes nach links abbiegen.“

Ich sah ihn aufmerksam an.

„Mit den Feldern und Wiesen, an denen Sie dann vorbeiradeln, ist die Strecke eine wirklich schöne Tour.“ Er zwinkerte mir zu. „Achten Sie besonders auf die zwei alten, alleinstehenden Häuser auf der rechten Straßenseite. Ein Stück dahinter zweigt der Weg nach rechts ab. Hinter dem Wäldchen steht eine hübsche Villa, die wirklich einen Blick wert ist.“

Ich lächelte ihn freudestrahlend an. „Danke!“

Er winkte mir zum Abschied und ich stieg wieder auf mein Rad. Für den beschriebenen Weg würde ich noch einen Moment brauchen, also beeilte ich mich besser.  

Die Wegbeschreibung führte mich schließlich in ein Waldstück, in dem unzählige Vögel zwitscherten. Eine Schar von Sperlingen flog auf. Sie flatterten über mich hinweg und verschwanden weiter hinten im Dickicht. Der Weg verschmälerte sich, der Asphalt verschwand und ich musste absteigen, weil der lose Schotter mein Rad zum Schlingern brachte.

Hier wohnte Mr Thompson?

Dann endete die unwegsame Straße mit einem Eisentor, das nicht verschlossen war. Vielleicht gab es irgendwo eine größere Auffahrt, hier aber passte höchstens mein Fahrrad durch, das ich allerdings erst einmal stehen ließ. Eine alte Trockenmauer umschloss das Gebiet und hinter dem Tor stand eine riesige Buche, die ihre knorrigen Zweige überallhin ausstreckte. Sonnenlicht schien hindurch und malte goldene Muster auf den Waldboden. Ich schlüpfte durch den Eingang und schaute in die Wipfel dieses uralten Baumes. Der Wind ließ die Blätter tanzen, als er leise durch das Laub rauschte.

Ein Pfad führte um die Buche herum und ich lief durch den lichtdurchfluteten Forst. Die Bäume lichteten sich und ich schaute auf ein herrschaftliches Anwesen, das mich sprachlos stehenbleiben ließ. An den weiß gestrichenen Fassaden rankten Bougainvillea-Gewächse. Das zarte Violett der Blüten verlieh der großen Villa einen besonderen Charme. Langsam näherte ich mich, betrachtete dabei die Farbenpracht der Wildblumen vor dem Haus. Es summte und zwitscherte überall und ich berührte sachte einige lange Grashalme, die sich in einer Brise wiegten.

Das Haus erinnerte mich an eine luxuriöse Finca. Ich holte mein Smartphone hervor. Das musste ich für Dad fotografieren.

Entschlossen begab ich mich zum Eingang, drückte auf die Türschelle. Als sich nichts rührte, wagte ich noch einmal zu schellen, bis ich erschrocken zurückwich, weil mir die frühe Uhrzeit ins Gedächtnis kam. Hatte ich Mr Thompson nun aus dem Bett geklingelt?

Dann hörte ich eine genervte Stimme aus dem Haus.

„Kommen Sie zum Wintergarten!“

Ich presste die Lippen aufeinander und ging ums Haus herum, indem ich mich durch die hohe Wiese kämpfte. Besagten Wintergarten fand ich hinter dem Gebäude.

„Hallo?“

Niemand antwortete mir, aber ich sah jemanden durch die Scheiben des gläsernen Anbaus. Zögerlich ging ich darauf zu. Der Mann wurde auf mich aufmerksam. Verwirrung spiegelte sich auf seinen Zügen wider. Mit gerunzelter Stirn ließ er von den Pflanzen ab und durchquerte das Gewächshaus, um durch eine Tür zu mir nach draußen zu kommen. „Ich dachte, Sie sind der Postbote. Was wollen Sie hier?“ Sein ablehnender Tonfall ließ mich zunächst verstummen.

Ich hatte mir Neil Thompson als alten Mann vorgestellt, aber er schien nur unwesentlich älter als ich zu sein.

Barfuß stand er vor mir, mit einer legeren Jeans, die er an den Knöcheln hochgekrempelt hatte und einem nur halb zugeknöpften, weißen Hemd. Das blonde Haar wirkte noch feucht, vielleicht vom Duschen, und wellte sich leicht. Es fiel ihm in die Stirn und er strich es unwirsch zurück. Seine Augen strahlten im Sonnenlicht wie aus Aquamarin.

Während meine Überraschung über sein attraktives Erscheinungsbild mich noch lähmte, warf er mir einen irritierten Blick zu, also ergriff ich rasch das Wort.

„Ich habe gehört, dass Sie eine Haushaltshilfe suchen“, sagte ich und versuchte mich an meinem schönsten Lächeln. „Nun, hier bin ich.“

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